Wirtschaft : Branko Mitzky

(Geb. 1909)||Er verkaufte Strümpfe. Erst aus dem Koffer, dann aus dem Kiosk.

Gregor Eisenhauer

Er verkaufte Strümpfe. Erst aus dem Koffer, dann aus dem Kiosk. Auf der Liste der aussterbenden Berufe steht der Fachverkäufer für Damenoberbekleidung ganz oben. Die Kundinnen von Branko Mitzky wissen am besten, was der Damenwelt damit verloren geht.

Mitzky-Moden war ein Begriff in Tegel, über vierzig Jahre „Tragbare Mode für die Frau ohne Alter“, in der Grußdorfstraße.

1951 war Branko Mitzky mit der jugoslawischen Handelsmission nach Berlin gekommen. Er stammte aus Polstrau in Slowenien, nah der österreichischen Grenze. Da hatten die Eltern einen k.u.k.- Gemischtwarenladen betrieben, aber der neue Vielvölkerstaat Jugoslawien bot Deutschsprechenden keine Heimat mehr. Also blieb er in Berlin, versetzte seine Armbanduhr und machte sich mit einem Koffer Perlonstrümpfe auf und putzte Klinken. Unterwegs war er anfangs mit der Straßenbahn, immer nur Wochenkarte, man wusste ja nie, was wird.

1953 traf er Ruth – es war Liebe auf den zweiten, den dritten Blick. Sie arbeitete im selben Metier, und er wusste mit Charme von sich zu überzeugen; trotz des Altersunterschiedes ein perfektes Duo.

Er ist zunächst weiter als Vertreter gegangen, sie hat auf dem Markt Strümpfe verkauft. Geld hatten sie keins, amüsiert haben sie sich dennoch. Im Zigeunerkeller ein Glas Wein oder im Café bei der Filmbühne, und wenn dort Premiere war, sah man schon mal Sophia Loren oder Marika Rökk leibhaftig. Als die Zeiten besser wurden, gönnten sie sich auch gern ein Musical oder ein Boulevardstück. Viel Freizeit blieb ja nie.

1956 heirateten die beiden, und vom Standesamt ging es direkt zur Eröffnung des ersten eigenen Verkaufskiosks „Ihr Strumpfspezialist“. Eine Holzbude, aber günstig gelegen. Tags verkaufen und Laufmaschen reparieren, abends Pakete für den Versandhandel packen, oft bis nachts um eins. In der Zeit waren doch alle „rührig wie verrückt“.

Und es war Bedarf: Neu im Angebot damals Mohairpullover und Chiffontücher. „Da haben die Leute manchmal Schlange gestanden die Straße hinunter, passten ja auch nur zwei Menschen plus Verkäuferin in die Bude rein.“

Branko Mitzky hat alles auf Film aufgenommen, sein Archiv des Wirtschaftswunders, geschäftlich wie privat. So hat er vom Kreißsaal an den Werdegang seines Sohnes gefilmt, alle Etappen des Erwachsenwerdens, auch wie er selbst mit sechzig neben ihm hergerannt ist, um ihm das Fahrradfahren beizubringen. Nachträglich wurde dann alles vertont, und mit Musik im Hintergrund versetzt.

Branko Mitzky setzte früh aufs Marketing; er war einer der ersten, der im Kino Werbebilder zeigte. 1958 kaufte er den ersten Laden, 18 Quadratmeter; vierzehn Jahre später waren es 106, getreu der Devise „eher noch mehr“.

Fünf Mitarbeiter, und die Treuesten, Frau Giebel, Frau Jokisch und Frau Klugmann, liebten das Geschäft kaum weniger als er selbst. Branko Mitzky vertraute auf sein Stammpersonal und auf Stammkunden, auf höflichen Umgang also.

Ein Grandseigneur der Damenkonfektion, immer mit Sakko, Hemd und Krawatte, auch bei 35 Grad.

Is’ ihr Mann nich’ da? – Der ist grad hinten im Büro – Er soll mal bitte rauskommen und sagen, wie mich das kleidet, weil die Bluse mit die Streifen jefällt mir so jut. – Und dann konnte es schon mal passieren, dass Branko Mitzky sagte: Lassen Sie das heute sein mit den Streifen, da kommt was Neues die Tage rein.

Der Dienst am Kunden hielt ihn gesund. Welche Farben, welche Größen, welche Schnitte, welche Modelle. Paris, Florenz, Mailand, das waren die einzigen Auslandsreisen. Privat ging es bescheidener zu: Kuren in Bad Pyrmont oder nach Timmendorf an den Strand. Und der vertretbare Luxus: Wandelkarten für den Presseball, nicht tanzen, flanieren.

Mitte der Neunziger ging das Geschäft zurück und Branko Mitzky dachte ans Unmögliche, den Ruhestand. Er genoss seine Filme, brachte seiner Enkelin unter dezenter Zuhilfenahme seines Gehstocks das Fußballspielen bei, und schied aus der Welt mit der bescheidenen Gewissheit, dass sie ohne ihn ein Stück ärmer sein wird.

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