Wirtschaft : Brasiliens Aufstieg zur Handelsnation

Philipp Lichterbeck

Der schlafende Riese ist erwacht. Brasilien, die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas, beginnt, sein enormes Wirtschaftspotenzial auszuschöpfen. Mit 187 Millionen Menschen lebt dort die Hälfte aller Südamerikaner. Schon spricht man von Brasilien in einem Atemzug mit China und Indien. Demnach werde China zur Werkshalle der Welt, Indien zum Dienstleistungszentrum und Brasilien zum Rohstofflager. Von der „Agrarsupermacht“ sprach Colin Powell, der ehemalige US-Außenminister.

Im Jahr 2036, so erwarten die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs, könnte Brasilien die fünfgrößte Wirtschaftsnation der Welt sein. Das Wachstum hat zunächst einmal mit den vielen Agrarprodukten zu tun. Brasilien ist Spitzenreiter beim Export von Rindfleisch, Hühnern, Zucker und Biodiesel, und es ist der größte Kaffee- und Orangensaftproduzent der Welt. Gleichzeitig wächst der Anbau von Soja, wobei für neue Anbauflächen der Regenwald rücksichtslos abgeholzt wird. Im Jahr 2005 verschifften die Brasilianer 20 Millionen Tonnen, Tendenz steigend. Ebenso weitet sich der Anbau von Zuckerrohr aus, was mit dem Erfolg von Ethanol als Biosprit zu tun hat. Brasilien gehört seit dreißig Jahren zu den Vorreitern des Alternativantriebs. Das Land ist darüber hinaus in der Lage, sich selbst mit Öl zu versorgen.

Es ist aber vor allem Brasiliens Industrie, über die die Wirtschaftswelt staunt. Unter den zehn führenden Unternehmen aus aufstrebenden Nationen befinden sich heute vier brasilianische Firmen. Der Flugzeugbauer Embraer ist der drittwichtigste Flugzeughersteller der Welt. Der vor wenigen Jahren noch so gut wie unbekannte Bergbaukonzern Companhia Vale do Rio Doce (CVRD) ist zum weltweit größten Lieferanten von Eisenerz geworden, das unter anderem in China reißenden Absatz findet. WEG, ein Elektromotorhersteller, ist nach Siemens und General Electric die größte Firma der Branche. Zum Erfolg der brasilianischen Unternehmen kommt der ungebremste Zufluss ausländischer Investitionen. Das Land zählt unter den Schwellenländern laut den Vereinten Nationen zum viertgrößten Empfänger. Auch 37 Prozent aller deutschen Investitionen in Lateinamerika fließen nach Brasilien.

Das Land hat außerdem einen wachsenden Binnenmarkt. Das Durchschnittseinkommen der Brasilianer liegt mit 4000 Dollar sechsmal höher als in Indien, und seit der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula da Silva Präsident ist, sind vier Millionen neue Jobs entstanden. Paradox scheint daher, dass das Land mit 2,8 Prozent das schwächste Wachstum Lateinamerikas hat. Das liegt an der strengen Fiskalpolitik, die die Regierung verfolgt. Sie spart eisern, um die Schulden abzubauen. Mit einer der höchsten Zinsraten der Welt will sie die Inflation in Schach halten.

Trotz der schönen Zahlen: Brasiliens Wohlstand ist ungerechter verteilt als in jedem anderen Land der Welt. Lula wird sich daran messen lassen müssen, ob es gelingt, den wirtschaftlichen Aufstieg in bessere Lebensbedingungen für alle Brasilianer umzumünzen.

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