Wirtschaft : Brasiliens süße Zukunft

Der Zuckerboom hat das Land schon tiefgreifend verändert – jetzt gibt die EU mit ihrem Subventionsabbau weiteren Schub

Ralf Südhoff[Batatais]

Es ist nur noch ein Kilometer bis zu den riesigen Fabrikhallen der Zuckerfarm – doch nichts ist zu sehen. Alles versinkt im endlosen Wald. Es ist ein Wald aus Zucker. Auf dem Hügel rechts der Trasse im brasilianischen Batatais steht das knallgrüne Zuckerrohr zwei Meter hoch, so weit das Auge reicht. Einen Hügel weiter rattern Erntemaschinen durchs wuchernde Schilf. Auf den Feldern zur Linken steht der halbe Horizont in Flammen, die Feuer bereiten die nächsten Erntetage vor.

„Es wird wieder eine Rekordernte dieses Jahr“, schwärmt Gilberto Zanon. Der Generaldirektor der Zuckerfarm Batatais trägt einen grauen Backenbart, ist Mitte 50 und kann sich doch begeistern wie ein kleines Kind: „Vor 20 Jahren haben wir mit 16 000 Tonnen Zuckerrohr angefangen“, erzählt er mit Blick auf die grünen Weiten: „Heute sind wir bei 3,2 Millionen!“

Die Zuckerfarm Batatais ist eine der größten Brasiliens, und das will etwas heißen: Im fünftgrößten Staat der Erde steht heute auf einer Fläche so groß wie Bayern nichts als Zuckerrohr, Tendenz stark steigend. Die Usina Batatais im Südosten umfasst 32 000 Hektar: „Seit Anfang der 90er Jahre hat sich unsere Anbaufläche vervierfacht“, sagt Zanon.

Was den Direktor begeistert, lässt anderswo die Alarmglocken schrillen: 30 Prozent des Weltmarkts beliefert das Land bereits. Nun sollen die EU-Zucker- subventionen gesenkt werden und Hilfsorganisationen wie Oxfam befürchten deshalb, dass die brasilianische Zuckermaschinerie als Erstes die afrikanischen Kleinbauern unterpflügen könnte, wird sie erst von der Kette aus EU-Quoten für die Afrikaner und Subventionen für die Europäer gelassen. Deutsche Zuckerbauern wettern gegen die Billigkonkurrenz der reichen Zuckerbarone Brasiliens, sie prangern Ausbeutung von Arbeitern und Regenwald an.

Gilberto Zanon kennt die Kritik, aber er sieht Brasiliens Vorteile vor allem auf anderen Gebieten. „Dank neuester Anbaumethoden konnten wir die Ernte auf acht Monate im Jahr ausdehnen“, sagt er, während er mit Bauhelm und schnellen Schritten über das Fabrikgelände stapft. „Aus jedem Rohr können wir heute bis zu sechs Ernten holen statt vier“, rattert er weiter im Takt der endlosen Förderbänder mit geraspeltem Zuckerrohr. So fallen die Produktionskosten Jahr für Jahr. Eine Tonne Zucker kostet heute in Brasilien 160 Dollar. In Afrika sind es um die 270 Dollar, in Europa 480 Dollar.

„Zudem schlagen wir keinen Regenwald, sondern wandeln Viehweiden in Felder um“, betont der Direktor. „Und die Hälfte unserer Ernte wird zu Ethanol.“ Tatsächlich fährt bereits jeder zweite Neuwagen in Brasilien mit dem aus Zuckerrohr gewonnen, klimafreundlichen Benzinersatz. „Und wir zahlen allen Arbeitern 900 Real“, sagt der Direktor. „Auch den Erntehelfern, die eine fast unmenschliche Arbeit verrichten.“ Das sind rund 350 Euro und das Dreifache des Mindestlohns.

Wie ein Mensch sieht Jose Wiliam wirklich kaum noch aus. Der Zuckerrohrschneider steht mit verrußtem Hemd, dem Gesicht voll Asche und einem Schwert in der Hand auf einem verkohlten Feld. „Es ist eine sehr harte Arbeit“, sagt der 25-Jährige. Sechs Tage die Woche, neun Stunden am Tag schlägt Wiliam mit seinen 600 Kollegen auf den stinkenden Feldern Rohr um Rohr. Um die Ernte der Stange zu vereinfachen, werden zuvor ihre Blätter abgebrannt, was Hilfsorganisationen kritisieren. „Am Anfang war es hart, jetzt merke ich den Gestank nicht mehr“, sagt Wiliam. „Was soll ich sonst tun?“

Arbeitslöhne und Bedingungen seien für die Zuckerrohrschneider noch vergleichsweise gut, sagt auch Braz Agostinho Albertini, der Chef der Landarbeiter-Gewerkschaft in São Paulo. Für die europäischen Landwirte, die von Ausbeutung sprechen, habe er wenig Verständnis, ihn plage dagegen eine ganz andere Sorge: „Das entscheidende Problem ist die Mechanisierung.“ Tatsächlich geht der Boom der brasilianischen Zuckerwirtschaft statt mit wachsender Ausbeutung mit einer wachsenden Automatisierung einher. Erntemaschinen, die sich wie riesige Kraken durch die Felder bewegen, können 80 Erntehelfer ersetzen. Tausende Rohrschneider verlieren dadurch jährlich ihren umstrittenen Job. Trotzdem bietet die Zuckerindustrie allein im Staat São Paulo konstant 350 000 Menschen Arbeit – weil sie wächst und wächst und wächst.

Gilberto Zanon beschäftigte vor fünf Jahren 1200 Erntehelfer, heute sind es rund die Hälfte. „Die Zahl unser Arbeiter ist aber gleich geblieben, dafür brauchen wir heute mehr Fahrer und Aufseher, mehr Mechaniker und Ingenieure“, sagt der gut gelaunte Direktor. „In einem Jahr eröffnen wir unsere zweite Mühle und verdoppeln unsere Produktion.“

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