Wirtschaft : Brasiliens Telefonnetz kommt unter den Hammer

CARL D.GOERDELER

RIO DE JANEIRO .Vor der Börse von Rio de Janeiro sind die Hunderschaften der Polizei aufgezogen.Sie sollen sicherstellen, daß die Privatisierung des gesamten brasilianischen Telefonsystems, die für den heutigen Mittwoch angesetzt ist, nicht von Protesten der Gewerkschaften gestört wird.Mit der Staatsholding Telebras geht ein dicker Brocken des "Familiensilbers" in private Hände über - und dies nur zwei Monate vor den Wahlen in Brasilien.Dementsprechend heftig ist die politische Kontroverse um den Rückzug des Staates entflammt.Die brasilianische Regierung setzt Heerscharen von rechtsanwälten ein, um die zu erwartenden einstweiligen Verfügungen gegen die Privatisierung in letzter Minute abzuwehren.Es steht die Glaubwürdigkeit der liberalen Wirtschaftspolitik von Präsident Fernando Henrique Cardoso, der im Oktober wiedergewählt werden will, auf dem Spiel.

13,5 Mrd.Dollar - das ist der Mindestpreis für das Paket, das in zwölf verschiedene Portionen aufgeschnürt zum Verkauf kommt: Drei Festnetze mit insgesamt 17 Millionen Anschlüssen, die für den Auslandsverkehr zuständige Gesellschaft Embratel und acht Handy-Regionen mit bereits vorhandenen Einrichtungen des sogenannten A-Bandes.Die Käufer müssen sich verpflichten in den nächsten Jahren zweistellige Milliardenbeträge zur Ausweitung und Modernisierung zu investieren - eine Mammutaufgabe.Denn Brasilien ist mit elf Telefonanschlüssen auf 100 Einwohner selbst unter den lateinamerikanischen Nachbarn ein Nachzügler.17 Millionen Menschen warten auf ihren Anschluß, sieben Millionen zusätzlich auf eine Handy-Lizenz - es können Jahre vergehen, bis ein Antragsteller eine Nummer zugewiesen bekommt.Die nationale Holding Telebras mit ihren bislang 26 bundesstaatlichen Regionalgesellschaften müßte jährlich 10 Mrd.Dollar investieren, um dem wachsenden Bedarf nachzukommen - sie konnte aber zuletzt nicht einmal ein Drittel dieser Summe aufbringen, denn der Staat hat kein Geld.Das hat den Telefon-Schwarzmarkt zum Blühen gebracht; mancherorts, beispielsweise in Sao Paulo, werden unter der Hand einige tausend Dollar für einen Anschluß geboten, der offiziell nicht einmal 50 Dollar kostet.Auch in sozialer Hinsicht hat der Staat telefonisch versagt: Die einkommensschwachen Bürger sind auf lächerliche 500 000 öffentliche Anschlüsse angewiesen - das Telefon ist ein Luxusgut der Reichen, das neben Auto und Eigenheim als Vermögensanlage angesehen wird.

Bei der Privatisierung des Telefonmarktes will Brasilien aus den Fehlern anderer Länder lernen.Die meisten lateinamerikanischen Staaten haben ihre ehemals maroden Netze inzwischen an zahlungkräftige Investoren verkauft.Dort, wo ein staatliches Monopol in ein privates übergegangen ist, wie in Argentinien, sind die Benutzerpreise explodiert, der Service hat sich aber kaum verbessert.Diesen Fehler möchte die brasilianische Regierung nicht wiederholen.Deshalb wurde das gesamte System in zwölf Portionen aufgeteilt.Außerdem dürfen die Konzessionäre sich nicht mit den "Filets" begnügen, sondern müssen auch strukturschwache Netze als "Beipack" übernehmen.Auch müssen zahlreiche weitere Auflagen eingehalten werden, wenn die Betreiber nicht empfindliche Strafen zahlen oder gar die Konzession verlieren wollen.Vor allem aber werden die Konzessionäre zu enormen Neu-Investitionen verpflichtet.Ziel ist es, binnen vier Jahren die Zahl der vorhanden Anschlüsse auf 33 Mill.zu verdoppeln.Auf dem Handy-Markt sind ähnlich ehrgeizige Zielvorgaben gesetzt worden.Zu den nun vergebenen Konzessionen werden weitere parallele Märkte vergeben, um den Wettbewerb zu fördern.

Der Kampf um den gigantischen brasilianischen Telefonmarkt ist voll entbrannt.Trotz der zahlreichen Auflagen für die neuen Betreibergesellschaften haben inzwischen 50 nationale und internationale Konsortien ihre Angebote beim Kommunikationsminister hinterlegt.Darunter befinden sich fast alle großen internationalen Telefonkonzerne.Nur einer fehlt: Die Deutsche Telekom, mit rund 50 Mrd.Dollar Jahresumsatz weltweit viertgrößte Telefongesellschaft."Daß kein deutsches Unternehmen bei diesem Geschäft mitbietet ist uns völlig unverständlich" - so die deutsch-brasilianische Handelskammer.Wie man hört, gibt es bei der Telekom interne Auseinandersetzungen über das Engagement im Ausland, aber bislang keinen dafür zuständigen Auslandschef.Ein Trauerspiel deutscher Unternehmenskultur: Kein Anschluß unter dieser Nummer.

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