Wirtschaft : Breite Krempen und Federschmuck

Die Nachfrage nach handgefertigten Hüten steigt

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Auftragsarbeit. Susanne Gäbel in ihrer Werkstatt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Auftragsarbeit. Susanne Gäbel in ihrer Werkstatt. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin - Eine Idee, zwei Hände und ein Bügeleisen: Viel mehr braucht Modistin Susanne Gäbel nicht, um aus einem Stück Stoff einen Hut zu zaubern. Die Kopfbedeckungen, die die 41-Jährige in ihrem „Salon“ an der Charlottenburger Bleibtreustraße für die weibliche Kundschaft entwirft und produziert, sind Unikate. Große Hüte mit breiten Krempen, kleine mit Federschmuck, Stoffblumen oder anderen mädchenhaften Details. Auch Haarreifen mit Federn und Schleifen oder Mützen hat die Hutmacherin im Angebot.

Im hinteren Teil des schmalen Ladengeschäfts mit den hohen Decken dämpft Gäbel auf einem Holzmodell eine aktuelle Auftragsarbeit in Form. Den Schnitt dafür hat die Modistin nach den Vorgaben und Maßen einer Stammkundin entworfen. Die Geschäftsfrau wünscht sich eine klassische Hutkreation aus samtigweichem Antilopenfilz passend zur Garderobe.

Dass Susanne Gäbel heute Hutmacherin ist, verdankt sie nicht nur der eigenen Ambition, sondern auch dem technischen Fortschritt und der Emanzipation. Während mittlerweile Stoffe auf dem Markt sind, die sich mit wenig Körpereinsatz von Hand verarbeiten lassen, waren bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nur weit weniger flexible Materialien verfügbar. „Es war ein richtig harter Beruf“, sagt Gäbel. „Im Krieg gab es für die Hutmacher Schwerarbeiterzulage.“ Weil viel Kraft aufgewendet werden musste, um die störrischen Werkstoffe zu Hüten zu formen, war die Profession lange Zeit eine Männerdomäne. Für die Dekoration der Kopfbedeckungen mit Bändern oder Stoffblüten waren dagegen ausschließlich Frauen, sogenannte Putzmacherinnen, zuständig.

Heute sind beide Arbeitsfelder in der Profession des Modisten vereint. Ein bisschen Kraft, räumt die zierliche Susanne Gäbel ein, sei auch heute noch nötig. Aber die Arbeit sei bei Weitem nicht mehr so anstrengend wie früher: „Das ist wie Strudelteig machen“, sagt sie. Ihr Handwerk hat Gäbel bei einer Hamburger Hutmachermeisterin gelernt, die unter anderem Kopfbedeckungen für Romy Schneider kreierte.

Die Nachfrage nach handgefertigten Hüten und Kopfbedeckungen sei in den vergangenen Jahren gewachsen, sagt Susanne Gäbel. Und von der Wirtschaftskrise hat die Modistin allenfalls gehört, betroffen war sie davon nicht. Ihren Hutsalon für Damen gibt es seit 1998. Weil die Geschäfte so gut laufen, hat die gebürtige Lüneburgerin im November im selben Kiez noch ein Geschäft für Herrenhüte eröffnet. „In den Kaufhäusern wird die Auswahl an Hüten immer kleiner“, erklärt die Modistin. Das liege daran, dass immer weniger Hüte maschinell produziert würden. „Was da ist, passt aber nicht auf jeden Kopf. Das ist gut für die Hutmacher.“

Gäbels Klientel ist zwischen 30 und 80 Jahren alt, bodenständig und schätzt das Handwerk. Viele Kundinnen tragen ihre Hüte im Alltag, andere kommen, weil sie etwas für einen besonderen Anlass suchen. „Vor allem Adelshochzeiten sind sehr belebend fürs Geschäft“, sagt sie. „Wenn dieser Stand heiratet, gilt fast immer der Dresscode: Damen bitte mit Hut!“ Ihre Kreationen will die 41-Jährige nicht als Kunst, sondern als Handwerk verstanden wissen, als „Gegenstände, die man benutzt“. 200 bis 250 Euro kosten Gäbels Hüte je nach Aufwand und Material. „Kein Pappenstiel“, wie eine ältere Kundin im Laden kritisch anmerkt. Ihr Lieblingshut ist nach 20 Jahren abgenutzt, Ersatz muss her. „Und wenn er mir nicht passt?“ Die Kundin ist unentschlossen. „Wenn er fertig ist, kommen Sie zur Anprobe“, besänftigt Gäbel. „Dann dürfen Sie meckern.“ Sarah Kramer

Folge 7: Der Schornsteinfeger

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