Wirtschaft : Brief aus London: UB40 und der Weltruhm britischer Ämter

Matthias Thibaut

Studenten, die Kostenbefreiung bei der Zahnbehandlung wollen, brauchen das Formular HC2. Rentner nehmen HC3. Wer den Transport ins Krankenhaus umsonst will, füllt B3, C3, FF260 oder FF260A aus. Aber nur, sofern er mit GL18 die wöchentliche Einkommensunterstützung oder mit JSA1 die "Job Seekers Allowance" beantragt hat. JSA1 ist an die Stelle des berühmten UB40 getreten, das der Birminghamer Rockband den Namen gab - die britische Formular-Nomenklatur hat längst Pop-Geschichte geschrieben.

Wer bei Bürokratie an deutsche Amtsstuben denkt, sollte sich erst einmal mit den britischen Formularen vertraut machen. Sie lesen sich wie ein mit vielen "please" gespicktes Monopoly-Spielbrett: "Gehen sie nun zurück zu Seite zwei und füllen sie diese aus", steht auf Seite SE4 von SA103 - eine Untersektion der Steuererklärung. Wer in CTC1 über die Frage stolpert: "Leben sie mit jemand wie Mann und Frau?", wird bald freundlich beschieden: "Wir werden Ihren Mann oder ihre Frau oder die Person, mit der sie leben, in diesem Formular ihren Partner nennen." Widerspruch wird nicht geduldet. CTC1 ist übrigens ein kurzes Formular. Es hat nur vier Seiten und geht um den "Child Tax Credit".

"Tax Credits" sind die Erfindung des Schatzkanzlers Gordon Brown. Einmal im Jahr stellt er in der Haushaltsrede die Weichen für alles, was mit Geld zu tun hat. Seit Gladstones Zeiten wird diese Rede in einem roten Köfferchen ins Parlament getragen. Vermutlich heißt Papierkram deshalb auf Englisch "Red Tape". Jahr für Jahr bringt Browns Köfferchen mehr "Red Tape".

Vorbei sind die Zeiten, wo Großbritannien das Musterland der Deregulierung, des schlanken Staates und der einfachsten Steuererklärung Europas war. Tony Blair mag durch die Welt reisen und gegen Überregulierung wettern. Zu Hause hat Labour seit 1997 rund 15 000 Verordnungen erlassen.

Für jeden britischen Bobby, der auf Streife geht, müssen offenbar zwölf Polizisten im Revier Formulare ausfüllen. Ärzte beschwerten sich bei Tony Blair, 30 ihrer Zeit gehe inzwischen mit "Red Tape" verloren. Lehrer hängen den Beruf an den Nagel, weil sie nach dem Korrigieren auch noch Berge von Erhebungsformularen an die Schulbehörde schicken müssen.

Doch zurück zu den "Tax Credits". Laut Brown sind es "negative Steuern". Alle anderen nennen es Sozialhilfe. Gab es früher einfach einen Kinderfreibetrag, den man automatisch durch die Steuererklärung erhielt, haben wir nun die Steuererklärung SA100 und CTC1. Wer weniger als umgerechnet rund 73 000 Euro im Jahr verdient und Kinder hat, muss ausfüllen - rund sechs Millionen Haushalte. Im kommenden Jahr sind Familien mit Einkommen bis 94 000 Euro bezugsberechtigt, da sind auch schon Mercedesfahrer dabei.

Da die staatlichen Almosen mit steigendem Gehalt sinken, lohnt sich der Aufwand natürlich immer weniger. Kein Wunder, dass rund 30 Prozent der formulargetesteten Staatshilfen in der Kasse des Schatzkanzlers bleiben. Schlau!

So dreht Brown mit Formularen an den Rädchen der sozialen Gerechtigkeit. Bald die Hälfte der Briten wird heute auf die eine oder andere Weise per Formular getestet.

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