Briefmarkt : Über Pin wird noch verhandelt

Pin-Chef Günter Thiel zieht sein Übernahmeangebot zuerst zurück – aber dann gibt es doch Gespräche bis in die Nacht.

Henrik Mortsiefer,Yasmin El-Sharif
Pin
Der Briefzusteller Pin steht vor dem Aus. -Foto: ddp

Berlin - Der Minderheitsaktionär des Postdienstleisters Pin, Günter Thiel, hat am Dienstagabend die Verhandlungen mit dem Haupteigentümer Axel Springer AG über eine Übernahme des Post-Dienstleisters überraschend wieder aufgenommen. Geplant seien ausführliche Gespräche während der Nacht, sagte ein Sprecher des Pin-Verwaltungsratschefs und WAZ-Geschäftsführers Bodo Hombach. Am heutigen Mittwochmorgen um acht Uhr werde der Verwaltungsrat erneut zusammentreten. Am Dienstagvormittag hatte Thiel zunächst sein Übernahmeangebot zurückgezogen und seinen Rücktritt als Pin-Vorstandschef erklärt.

Thiel und Springer hatten sich gegenseitig vorgeworfen, die Rettung der angeschlagenen Firma zu torpedieren. Als Grund für seinen Rückzug hatte Thiel das „kommunikative Verhalten“ des Springer-Verlags während der Verhandlungen genannt. Springer wies seinerseits Thiels Übernahmeangebot als „inakzeptabel“ zurück. Der scheidende Pin-Chef habe einen „umfassenden Forderungskatalog aufgestellt, der aus wirtschaftlichen, juristischen und grundsätzlichen Erwägungen für die Axel Springer AG unannehmbar“ sei, teilte das Berliner Verlagshaus mit.

Der Medienkonzern bezifferte den künftigen Mittelbedarf von Pin auf „mehr als 300 Millionen Euro“. Springer hat in zwei Jahren mehr als 620 Millionen Euro für Pin ausgegeben und wollte das Briefgeschäft zu einer weiteren Sparte des Konzerns aufbauen. Unmittelbar nach dem Beschluss des Bundestages zu einem Mindestlohn im Briefbereich hatte Springer am vergangenen Freitag beschlossen, der Tochterfirma keine weiteren Finanzierungsmittel mehr bereitzustellen. Als Grund hatte der Zeitungskonzern angeführt, die Zusatzkosten durch den Mindestlohn ließen Pin keine Chance, dem Branchenprimus Deutsche Post auf Dauer erfolgreich Konkurrenz machen zu können. In den vergangenen Tagen hatten Springer und Thiel über dessen Übernahmeangebot verhandelt.

Springer zufolge verlangte Thiel von dem Medienkonzern zahlreiche Leistungen, etwa langjährige Darlehensstundungen, kostenlose Logistikdienste, Exklusivität beim Postversand für Zeitungen und Zeitschriften und stark bezuschusste Werbeleistungen „mit einem Gesamtwert eines hohen zweistelligen Millionenbetrages“. Der Konzern kritisierte, dass Thiel vor fünf Monaten durch den Verkauf seiner über die Rosalia AG gehaltenen Anteile einen dreistelligen Millionenbetrag erlöst habe. Jetzt wolle er sich nur zu einem Finanzierungsbetrag zwischen null und 50 Millionen Euro verpflichten.

Nach Informationen des „Spiegel“, der aus einem Schreiben Thiels an Springer- Chef Mathias Döpfner zitiert, entbehrte die Kommunikation von Springer während der Verhandlungen „jeder geschäftsüblichen Praxis“ und habe dem Zweck gedient, diese zu torpedieren. Thiel hatte Springer für die Pin-Anteile den symbolischen Preis von einem Euro angeboten.

Der Pin-Verwaltungsrat beschäftigte sich am Dienstag mit der Zukunft des Postdienstleisters. Ob und wann die Firma möglicherweise Insolvenz anmelden muss, ist offen – ebenso wie die Zukunft der bundesweit rund 9000 Mitarbeiter. Hoffnung können sich die rund 1200 Mitarbeiter in Berlin machen. „Der Geschäftsbetrieb ist in keiner Weise eingeschränkt, wir stehen in Berlin auf einer gesunden finanziellen Basis“, sagte der Vorstand der Pin AG in Berlin, Axel Stirl, dieser Zeitung. Kunden habe die Firma wegen der öffentlichen Debatte nicht verloren. „Banken, Kunden und Lieferanten sagen: Jetzt erst recht“, sagte Stirl. Pin arbeitet in Berlin dem Vernehmen nach profitabel.

Die Gewerkschaft Verdi sieht sich darin bestätigt, dass nicht die Einführung eines Mindestlohns zu der jüngsten Massenentlassung bei Pin geführt hat. Pin hat bereits rund 800 Stellen gestrichen. „Die Querelen um die Pin Group geben einen Hinweis darauf, dass weniger der Mindestlohn das Problem ist als das Missmanagement im Konzern“, sagte ein Verdi- Sprecher dem Tagesspiegel. mit dpa

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