Wirtschaft : Brigitte Ratjen

(Geb. 1936)||Ihr Mann legte ihr die Welt zu Füßen, wenn er Zeit hatte.

Kirsten Wenzel

Ihr Mann legte ihr die Welt zu Füßen, wenn er Zeit hatte. Eine wie sie war dazu geboren, im Vordergrund zu stehen. Könnte man meinen. Schon als Elfjährige spielte sie am Meininger Theater in Peterchens Mondfahrt und Peer Gynt. Sie stammte aus einer Theaterfamilie, ihr Vater, Schauspieler, Regisseur und Theaterleiter, stand schon in den zwanziger Jahren auf der Bühne, ihr Bruder gehörte jahrzehntelang zum Ensemble der DEFA. Kein Wunder, dass sie Schauspielunterricht nahm, nachdem sie 1955 zu Verwandten nach Kassel gezogen war.

Dort trat sie gelegentlich im Theater auf, warb im Nebenjob bei Vorträgen vor Hausfrauenvereinen für Fertigklöße, und legte schließlich in Frankfurt am Main die Schauspielprüfung ab. Danach stand sie nie wieder auf einer Bühne. Eigentlich gab es kein übertrieben lautes Wort mehr von ihr. Warum? Sie wurde Ehefrau.

Man könnte aber auch anführen: Das Leise, Zurückhaltende war eben ihre Art, ihr tieferes Ich, dem sie nun endlich gebührend Raum geben konnte, im Schutz der Ehe. Sie hasste immer die lauten Töne, die schroffen Auseinandersetzungen, sagt ihr Mann und zeigt eine Notiz, die er erst nach ihrem Tod gefunden hat. Es sind die Worte des Klosterbruders aus dem „Nathan“: „Ich mag nicht fein sein; mag nicht überreden; mag mein Näschen nicht in alles stecken; mag mein Händchen nicht in allem haben.“

Zwei Zeilen Lessing weisen eine Spur. Zurückhaltend und scheu, so sah sie sich wohl selbst. Sie kannte ihren Mann, seit sie acht war. Bei einer Reise in die USA verlobten sie sich. „Fräulein Brigitte Thiele an Bord der ,Aurelia Bremerhaven’“ steht unter dem Foto einer hübschen Blonden im eleganten Kostüm. Das Bild zeigt viel von dem, was noch kommen sollte: den Luxus, die Weltgewandtheit. Und ein Leben, das mehr auf Reisen stattfinden sollte als an einem Ort.

Für ihren Mann ging sie nach Berlin, und bald kam die Tochter zur Welt. Als leitender Angestellter der AEG im Exportgeschäft war er dauernd unterwegs. Sie spazierte mit ihrem Kind an Lietzensee und Havel und begleitete ihn gelegentlich nach Rio und Hawaii.

Als man ihn nach Tokio schickte, ging sie selbstverständlich mit. Die Tochter ging zur deutschen Schule, wo auch die Mutter Arbeit fand, halbtags als Sekretärin. Sie kümmerte sich um deutsche Familien, die in Japan angekommen waren, betreute hohe Gäste aus Deutschland. Frau Lübke und Frau Kiesinger, erinnert sich ihr Mann, die waren auch mal da.

Die Nachmittage verbrachte man mit den Frauen und Kindern anderer Deutscher am Pool und im Tennisclub. Mit ihrem Mann bereiste sie Südkorea und Taiwan, Hongkong und Manila. Kreuzfahrten, teure Hotels, er legte ihr die Welt zu Füßen, wenn er Zeit hatte. Bis es hieß: Sachen packen und zurück nach Deutschland, wieder nach Kassel.

Sie bauten ein Haus dort, als wollten sie sich für immer niederlassen. Als ihr Mann nach 13 Jahren wieder nach Tokio musste, war sie, das gibt er zu, dieses Mal schon weniger begeistert. Doch natürlich folgte sie ihm. Allerdings war sie jetzt oft in Berlin, in der kleinen Zweitwohnung. Jedes Mal 18 bis 20 Stunden Flug über den Nordpol hinweg. In Berlin studierte ihre Tochter, dort lebte ihr Bruder, von dort war es nicht weit zu ihren Verwandten in der DDR.

Ihr Mann kam zurück, sie kauften eine große Wohnung. Er ging kurz darauf nach Brüssel. Nun hatten sie dort eine Zweitwohnung. Sie beschwerte sich zwar gelegentlich über das Alleinsein, doch die Wochenenden in Brüssel, das Einkaufen, die Reisen nach London und Paris, Schweden und Italien genoss sie dann doch.

In Berlin hielt sie sich fit mit Tai Chi, trotzte dem Krebs 14 Jahre lang. Bevor sie immer müder wurde, nahm sie lebhaft Anteil am Bühnenerfolg ihres Bruders und spazierte mit dem Enkel in Kleinmachnow. Wenn ihr Mann in Berlin war, pflegten sie eine schöne Sitte, die es bereits in ihrem Elternhaus gab: Fünf Paare trafen sich einmal im Monat zu Bier und Schnittchen. Die Gastgeber hatten ein Theaterstück ausgewählt, verteilten die Rollen. Dann wurde gemeinsam gelesen und meistens auch diskutiert.

Theater auf Zimmerlautstärke, ohne Lampenfieber und große Show – kein Wunder, dass ihr das gefiel. Ob Aristophanes, Goldoni oder Schiller, so spielte sie über die Jahre die Rollen aus unzähligen Stücken im Schutz des Wohnzimmers, mit ihrer zarten Stimme.

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