Wirtschaft : Brigitte Senger

Geb. 1951

Anne Jelena Schulte

„Ich komm’ dann immer so an dir vorbeigesaust und winke.“ Eines Abends war er da, der Moment, auf den viele Männer ihr Leben lang vergeblich warten: Michael Senger hatte seine Frau verstanden. Er saß vor dem Fernseher und hörte da jemanden sagen: „Wissen Sie, ich will immer alles. Ich bin nämlich Wassermann.“ Darum also. Brigitte Senger war Wassermann.

Brisi wurde sie von ihren Freunden genannt. Brisi war eine wunderschöne Frau. Ihr Mund leuchtete in sattem Rot, ebenso wie ihre Fingernägel. Sie hatte dichtes, dunkelblondes Haar und treuherzig-grüne Augen. Wenn sie lachte, erschienen in ihren Wangen zwei Grübchen. Alle liebten Brisi, Brisi liebte alle.

Das war schon immer so gewesen, denn Brigitte war die Älteste von sieben Geschwistern.

Michael Senger kann sich genau vorstellen, wie das ausgesehen hat: Während sie darüber nachdachte, wie sie ihrem Bruder eine Lehrstelle vermitteln könnte, hackte sie Zwiebeln für das Mittagessen und kitzelte dabei mit ihrem großen Zeh ein weinendes Kleines. Der Vater war Handwerker, Geld gab es kaum und Muße gar nicht.

Große Schwestern müssen nicht nur Grübchen zeigen, damit man sie lobt. Sie müssen vorbildlich sein, vernünftig und frei von Wehwehchen. Brisi klagte nie, hatte Verständnis für Leiden und Bedürftigkeit anderer: die perfekte Freundin und Arzthelferin.

Weil sie aber Wassermann war, wollte sie mehr sein als Schwester Brigitte. Sie wollte Karriere machen, Fremdsprachen lernen, viele Schuhe kaufen, die Welt der Kunst kennen lernen. Nicht, dass sie Schwester Brigitte eintauschen wollte gegen eine schicke Gitti. Ihre Telefonnummer sollte ein Notruf für Alte, Kranke und Traurige bleiben, und für Michaels Tochter wollte sie eine gute Stiefmutter sein.

Wer so viel vorhat, der darf keine Zeit verlieren. Oft hörte Michael die Haustür mit einem Knall zuschlagen. Noch bevor er aufschauen konnte, war ihr Auto aus der Einfahrt verschwunden. Oder es lagen ein paar hastig geschriebene Zeilen auf dem Tisch: „Bin bei Bekannten. D.F.“ D.F.: Deine Frau.

Erholung suchte Brigitte Senger beim Skifahren: „Weißt du was, Michi, setz dich einfach da auf die Terrasse, trink ein Bier, und ich komm’ dann immer so an dir vorbeigesaust und winke.“

Es ist ihr beinahe alles gelungen. Brigitte Senger wurde eine gut bezahlte Pharmareferentin. Sie organisierte Kulturprogramme für Ärzte, besaß eine Sammlung traumhafter Schuhe, ihren alten Freundinnen hielt sie fürsorglich die Treue, Michaels Tochter war sie eine gute Mutter.

Doch selbst eine Brigitte Senger hat ihre Grenzen, wie Michael noch immer verwundert feststellen muss. Eines Tages schillerte ein neuer Aufkleber auf ihrem Auto: „Ich spiel Klavier – und ihr?“ Zwei Jahre lang hat sie täglich geübt, doch ihr größtes Talent, nämlich kräftig anzupacken, half ihr bei der Musik nicht richtig weiter.

Das andere Problem: Man kann zwar alles haben, aber nie alles auf einmal. Ein Gesetz, mit dem Brisi sich lange nicht abfinden mochte. Sie wollte ihren Michael nicht verlieren, aber sie wollte ein anderes Leben als er. Michael Senger war zufrieden mit seinem Haus, seinem Garten und seiner Kochkunst. Er ging ab und zu in die Oper, flog gerne mal nach Mallorca. Aber Afrika? Leipziger Buchmesse? Nee. „Aber Michi“, sagte Brigitte, „das hier kann doch nicht alles gewesen sein. Ich bin jetzt 40.“

Sie zog aus. Sie lernte neue Länder kennen und irgendwann auch einen Arzt, in den sie sich verliebte. Manchmal konnte sie nachts nicht schlafen, dann stand sie auf und malte. Mit Michael blieb sie eng befreundet. Wenn sie ihn schon verlieren musste, dann so wenig wie möglich.

Es kamen die Zeiten, in denen Brigitte Senger ihr schnelles Auto immer mal am Straßenrand parkte und den Motor ausstellte, weil sie vor Tränen kaum noch die Fahrbahn erkennen konnte. Es waren Abschiedstränen. Sie hatte Krebs. „War’n schönes Leben“, sagte sie wenige Tage vor ihrem Tod, „aber leider zu kurz.“

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