Britanniens Ex-Finanzaufseher Lord Turner : "Der Euro-Zone droht die Deflation"

Lord Adair Turner ist ehemaliger Chef der britischen Finanzaufsicht FSA. Mit dem Tagesspiegel spricht er über Lehren aus der Krise, die Haftung der deutschen Steuerzahler und die Briten in der EU.

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Lord Turner, Sie waren nach dem Ausbruch der Finanzkrise lange für die Finanzaufsicht in Großbritannien zuständig. Ist das System heute stabiler?
Es ist auf jeden Fall weniger krisenanfällig. Die Gefahr, dass sich etwas wie 2008 in den kommenden fünf Jahren wiederholt, ist gering.

Krisenmanager. Lord Adair Turner übernahm die Bankenaufsicht eine Woche nach dem Lehman-Crash. Im April 2013 gab er den Job ab und arbeitet heute für einen Londoner Think-Tank.
Krisenmanager. Lord Adair Turner übernahm die Bankenaufsicht eine Woche nach dem Lehman-Crash. Im April 2013 gab er den Job ab und...Foto: REUTERS

Warum?

Der Bankensektor ist heute mit deutlich mehr Kapital ausgestattet. Außerdem beobachten wir die Entwicklungen am Finanzmarkt ganz genau. Für den Fall, dass etwas Unerwartetes passiert, haben die Aufsichtsbehörden heute die richtigen Instrumente, um rechtzeitig korrigierend einzugreifen – und sie würden es auch sofort tun. Aber selbst ohne Regulierung würde sich etwas wie 2008 nicht so schnell wiederholen. Denn auch die Banker selbst sind vorsichtiger geworden.

Überwunden haben wir die Krise aber noch nicht.

Nein, wir spüren noch immer ihre Folgen. Die Probleme sind je nach Währungsraum unterschiedlich. Für die Euro-Zone sehe ich die Gefahr einer Phase der Deflation. Ich fürchte, dass es der Währungsunion ergehen könnte wie Japan in den 1990er Jahren: Über zehn Jahre könnten wir in der Euro-Zone Deflation und ein sehr geringes Wirtschaftswachstum sehen, ohne dass die Politik die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun.

Und in Großbritannien?

Hier haben wir mittlerweile zwar wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum. Aber es ist ein Wachstum, das mir Sorgen bereitet, weil es auf einer starken Ausweitung der Immobilienkredite basiert. Wir haben hier vier Jahre lang diskutiert, wie wir eine stabilere Volkswirtschaft bekommen, deren Entwicklung nicht nur von der Finanzindustrie bestimmt wird. Und das Einzige, was uns einfällt, ist, den Immobilienmarkt anzukurbeln.

Die britische Regierung fördert derzeit die Kreditvergabe an Verbraucher mit geringem Eigenkapital. Damit hat in den USA die Krise angefangen ...

Was wir in Großbritannien gerade sehen, ist das Frühstadium einer Immobilienpreisblase. Das Fatale ist, dass die Entwicklung gerade für diejenigen schlecht ist, denen sie helfen soll. Denn weil so viele günstige Immobilienkredite vergeben werden, sind die Hauspreise im Verhältnis zum Einkommen der Menschen viel höher als noch vor zwanzig Jahren.

Was sollte man Ihrer Meinung nach tun, um die nächste Krise zu verhindern?

Wir sollten etwas gegen den hohen Grad der Verschuldung in der Realwirtschaft tun – vor allem auf dem Immobilienmarkt. Wir sollten zum Beispiel stärker die Kreditnehmer regulieren und Regeln aufstellen, wie hoch die Kreditsumme im Verhältnis zum Marktwert der Immobilie oder im Verhältnis zum Einkommen sein darf. Denn anders als in Deutschland ist das in Großbritannien oder in den USA nicht selbstverständlich. Und daran müssen wir arbeiten.

Und abgesehen vom Kreditmarkt?

Wir müssen die Schattenbanken noch besser regulieren. Das ist allerdings nicht so einfach, weil es nicht die typische Schattenbank gibt. Unter den Begriff fallen verschiedene Gebilde wie Geldmarktfonds, Hedgefonds, Vermögensverwalter oder Finanzierungsgesellschaften, über die die Finanzindustrie Pendants zur Bank schafft, die außerhalb der Bankbilanz agieren. Diese Gebilde müssen wir noch viel strenger regulieren. Und dafür sollten wir dazu übergehen, nicht einzelne Institutionen zu beaufsichtigen, sondern bestimmte Arten von Verträgen.

Ist es wahrscheinlich, dass wir eine stärkere Regulierung für Schattenbanken hinbekommen?

Es ist ein schwieriges Thema. Ich persönlich glaube, dass längst nicht alle Aktivitäten an den Finanzmärkten auch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Aber es gibt viele, die mit dem Gedanken groß geworden sind, dass wir diese Finanzgeschäfte brauchen.

Haben Sie vor fünf Jahren damit gerechnet, dass die Krise so schlimm werden wird?

Als ich im September 2008 den Posten an der Spitze der FSA übernommen habe, war Lehman Brothers eine Woche zuvor Pleite gegangen, AIG war gerettet worden, und der Interbankenmarkt fing bereits an einzufrieren. Ich glaube, dass keiner, der das damals miterlebt hat, vergessen wird, wie schnell das alles passierte. Denn bis zu dem Wochenende, an dem die Lehman-Bank zusammengebrochen ist, gab es kaum Anzeichen dafür, wie groß diese Krise werden würde. In drei Wochen ist das globale Finanzsystem eingebrochen und musste gerettet werden. Bereits zwei Wochen, nachdem ich den Posten übernommen hatte, saßen der Finanzminister, der Chef der Bank of England und ich den Vertretern der Banken gegenüber, um darüber zu reden, wie wir ein Zusammenbrechen des Systems verhindern.

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