Wirtschaft : Britische Verbraucher wollen die Ökowende

Hendrik Bebber / Maren Peters

Nur drei Monate, nachdem die britische Insel offiziell wieder frei von der Maul- und Klauenseuche (MKS) ist, zeigt sich Agrarministerin Margaret Beckett schon wieder optimistisch. "Wir sind zuversichtlich, dass die EU uns bald auch offiziell wieder den Status MKS-frei erteilt", sagte die Ministerin am Sonnabend am Rande der "Grünen Woche" dem Tagesspiegel. Das Okay der EU ist Voraussetzung dafür, dass England wieder Fleisch in andere EU-Länder exportieren darf. Nach Angaben der Ministerin hat es seit dem 30. September 2001 keine neuen Fälle der Maul- und Klauenseuche in Großbritannien gegeben.

Bei dem größten Ausbruch der Seuche in der Geschichte der Landwirtschaft mussten 2001 rund sechs Millionen Stück Vieh gekeult werden. Den finanziellen Schaden beziffert die Regierung auf rund drei Milliarden Euro - allein für die Landwirtschaft. Die mittelalterlichen Horrorbilder von lodernden Scheiterhaufen schreckten aber auch die Touristen ab. Das britische Centre of Economic and Business Research hat die Gesamtkosten auf 9,6 Milliarden Pfund (15,5 Milliarden Euro) geschätzt. Beckett hofft jetzt auf Kompensation aus Brüssel.

Die Regierung lehnt jede Verantwortung für die Seuche ab. "Das hätte jedem EU-Mitgliedsland passieren können", sagte Agrarministerin Beckett. Großbritannien habe einfach großes Pech gehabt. Verschiedene Kommissionen untersuchen derzeit die Ursachen der Seuche. Das Ergebnis soll nach Auskunft von Beckett Ende des Monats vorgestellt werden. Sie geht nicht davon aus, dass die Seuche notwendigerweise eine direkte Folge industrieller Produktionsmethoden in der Landwirtschaft ist. "Der letzte Beweis ist noch nicht erbracht." Erst, wenn das Ergebnis vorliegt, will sich die Ministerin zu einem möglichen Richtungswechsel in der Agrarpolitik äußern.

Ähnlich wie in Deutschland, wo die grüne Verbraucherministerin Renate Künast die Agrarwende ausgerufen hat, verfolge auch Großbritannien das Ziel, den Anteil der ökologischen Produktion zu steigern. "Es gibt keinen Zweifel, dass es einen großen Markt für Ökoprodukte gibt." Im Moment sei die Nachfrage in England sogar größer als das Angebot.

In Großbritannien ist das Kalb "Phoenix", das aus einem Kadaverberg gerettet wurde, zum Symbol einer neuen Hoffnung für die britische Landwirtschaft geworden, die nicht nur durch MKS, sondern zuvor auch von der Rinderseuche BSE, Schweinefieber, Salmonellen und dem exporthindernden hohen Kurs des Pfundes schwer heimgesucht wurde. Zwar haben 8000 Bauern und Landarbeiter letztes Jahr ihren Beruf aufgegeben - was die britische Agrarministerin offiziell bestreitet - aber Martin Hayworth, der Strategiedirektor des Bauernverbandes (NFU) glaubt, dass nun eine "dramatische Verbesserung der Erwerbslage" begonnen hat.

Grund dafür ist ein radikaler Wandel bei den Verbrauchern, die nun bereit sind, für Qualität und Sicherheit der Produkte auch den entsprechenden Preis zu zahlen. Von der Massenkeulung profitierten zuerst die Milcherzeuger, da zum ersten Mal die überzogenen Produktionsquoten nicht erreicht wurden und sie deswegen einen realistischen Preis bezahlt bekommen. In den Supermärkten halten sich "organische" und "biologische" Angebote bei den Lebensmitteln schon fast die Waage. "Die Handelsketten verlangen auf Druck der Verbraucher mehr und mehr von den Bauern, dass sie die Verantwortung für die Qualität tragen," sagt Rita Walsh, die Farmmanagement an der landwirtschaftlichen Hochschule von Cirencester lehrt. Das gleiche trifft auch für das Fleisch zu. "Unser System zur Überprüfung der Herkunft, Aufzucht und Verwertung von Schlachtvieh ist wohl mittlerweile eines der besten in der Welt", urteilt Rita Walsh über die Herdenbücher, elektronisch lesbare Ohrmarken, Fütterungs- und Schlachtbestimmungen, die gesetzlich nach der BSE-Krise eingeführt wurden.

In der Nahrungsmittelindustrie und dem Zwischenhandel von Erzeugern zu Verbrauchern lag für Ross Keeval, einem Biobauern aus Bathford, das Hauptproblem der Seuchen, die von Salmonellen über BSE bis zu MKS die britischen Landwirte unablässig heimsuchen. "Viele Bauern haben die Kontrolle darüber verloren, wie sie ihre Produkte erzeugen und vermarkten", sagt Keeval. Immer mehr Bauern haben die Konsequenzen gezogen und bieten ihre Produkte nun direkt an. 1997 eröffnete in Bath der erste Bauernmarkt des Königreiches und jetzt sind es schon 380. Selbst die Königin stieg kurz vor Weihnachten ein und bietet Rindfleisch, Apfelsaft und Käse aus ihren Ländereien in ihrem "Farmshop" in Windsor an.

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