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Britisches Pfund auf Talfahrt : "Auch ein Votum gegen den harten Brexit"

Theresa May wollte ein starkes Votum für die Verhandlungen mit der EU - und ist gescheitert. Das britische Pfund verliert im frühen Handel bis zu zwei Prozent. Hier erste Analysen von Ökonomen.

Eine britische Zehn-Pfund-Note.
Eine britische Zehn-Pfund-Note.Foto: REUTERS/Dado Ruvic/Illustration/File Photo

Der Verlust der parlamentarischen Mehrheit für Premierministerin Theresa May hat das Pfund Sterling auf Talfahrt geschickt, auch sich das Tempo am Freitagmorgen gegenüber der Nacht verringerte. Zuletzt erreichte der Kurs bei 1,2686 US-Dollar. Seit der Veröffentlichung der ersten Hochrechnungen hat das Pfund mittlerweile mehr als zwei Prozent an Wert eingebüßt.

Das war der tiefste Stand seit dem 18. April, als May überraschend zu den vorgezogenen Neuwahlen aufgerufen hat. "Das ist nicht das Ergebnis, auf das Investoren gehofft haben", sagte Analyst Naeem Islam vom Brokerhaus ThinkMarkets. "Obwohl May die Wahlen gewonnen hat, hat ihr Gegner Jeremy Corbyn deutlich aufgeholt. Das könnte das Pfund in den nächsten Wochen in Richtung 1,22 Dollar nach unten drücken."

Die Londoner Börse stieg trotz Mays Niederlage am Freitagmorgen - und das könnte gerade mit dem schwächeren Pfund zu tun haben. er FTSE 100 legte deutlich zu. Im frühen Handel gewann der britische Leitindex um fast ein Prozent auf 7518 Punkte. Mit der aktuellen Situation eines „Hung Parliament“, eines Unterhauses ohne klare Mehrheit, habe die politische Unsicherheit in dem Vereinigten Königreich zwar spürbar zugenommen, schrieb Großbritannien-Experte Sören Hettler von der DZ Bank. Entsprechend deutlich sei auch das britischen Pfund unter Druck geraten. Dies wiederum stützte den Aktienmarkt, da eine schwache Landeswährung den Export ankurbeln könne.

May hat ihre bisherige absolute Mehrheit verloren, Großbritannien bekommt ein "Hung Parliament" und steuert auf ein politisches Patt zu. "Der Wahlausgang ist die Quittung für Theresa Mays populistische Parolen, ihre fehlende Brexit-Strategie und ihre allein aus Machtkalkül angesetzten Neuwahlen", sagte der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IFW), Dennis Snower, in einer ersten Analyse. "Der Wahlausgang ist auch ein Votum gegen den harten Brexit, den May lautstark propagierte, der aber nie Gegenstand des ursprünglichen Brexit-Votums war und über dessen Gewinne und Verluste May die Bevölkerung im unklaren ließ." Der IFW-Chef denkt bereits an eine Zeit nach May. "Wer auch immer Premierminister wird, sollte das britische Volk ein zweites Mal über den Brexit abstimmen lassen, wenn alle Details verhandelt und die konkreten Folgen abschätzbar sind.", sagte Snower.

Der Ausgang der Wahl bedeutet nach Ansicht von DIW-Chef Marcel Fratzscher "viel verlorene Zeit in den Brexit-Verhandlungen". "Die Wahrscheinlichkeit erneuter Wahlen macht Theresa May von Anfang an zu einer 'lame duck' und schadet der Glaubwürdigkeit der britischen Regierung in den Verhandlungen mit der EU." Großbritannien werde "einen hohen wirtschaftlichen Preis für die Brexit-Entscheidung zahlen, welcher sich durch die Wahlen weiter vergrößern wird", sagte Fratzscher.

Steigt Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Brexit gibt?

"Was dies für die Brexit-Verhandlungen bedeutet, lässt sich schwer abschätzen", sagte hingegen Michael Hewson, Anlagestratege des Brokers CMC Markets. "Da aber die Schottische Nationalpartei und die Liberaldemokraten im Binnenmarkt bleiben wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es gar nicht zum Brexit kommt."

"Viel wird davon abhängen, wer der neue Premierminister sein wird", gab auch Ric Spooner, Chef-Analyst von CMC Markets zu bedenken. "Eine geringere Mehrheit der Konservativen könnte den Brexit-Hardlinern innerhalb der Regierung ein größeres Gewicht geben. Bei einer Koalitions-Regierung könnte das Gegenteil der Fall sein, das würde ein stärkeres Gewicht für moderate, globalisierungsbefürwortende Kräfte bedeuten."

"Die Märkte stellen sich nun darauf ein, dass die Verhandlungen für den Brexit erschwert werden", sagte Chef-Wirtschaftsberater der Allianz, Mohamed El-Erian. Die Frage sei auch, wie lange sich May als Premierministerin nach diesem Wahlergebnis noch halten könne, gab Analyst Michael Hewson von CMC Markets zu Bedenken. Sean Callow, Devisen-Stratege bei Westpac, sprach von einer "Demütigung für die Konservativen", die "ihren massiven Umfrage-Vorsprung binnen weniger Wochen verspielt haben".

Andere Währungen blieben von dem Wahlergebnis in Großbritannien relativ unbeeindruckt. Der Euro lag 0,1 Prozent im Minus bei 1,1204 Dollar. Zum Pfund legte der Euro 1,4 Prozent zu auf 0,8770 Pfund. Das war der höchste Stand seit fast fünf Monaten. (Reuters)

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