Wirtschaft : Brüder, zur Sonne, zur Freizeit

Mit der Mini-Max-Strategie war der Arbeitskampf der IG Metall für die 35-Stunden-Woche erfolgreich – in Westdeutschland vor fast 20 Jahren

Anselm Waldermann

„Im Osten geht die Sonne auf“: Unter diesem Motto kämpfte die IG Metall für die 35-Stunden-Woche. Doch die auf Plakaten abgebildete Sonne auf rotem Hintergrund ist keine Erfindung des aktuellen Streiks. Schon seit langem gilt die aufgehende Sonne als das Symbol der Gewerkschaften für Arbeitszeitverkürzungen. In Westdeutschland wurde der Ruf nach einer kürzeren Wochenarbeitszeit erstmals 1977 laut. Zwar hatte es in der Metallindustrie schon zuvor Arbeitszeitverkürzungen gegeben. Diese waren jedoch ohne großes Aufsehen über die Bühne gegangen – das Wirtschaftswunder machte es möglich. 1977 hingegen kriselte die deutsche Wirtschaft bereits, die Zahl der Arbeitslosen stieg. Der Gewerkschaftstag der IG Metall stellte daher zum ersten Mal die Forderung nach der 35-Stunden-Woche auf. Die Idee dahinter: Wenn alle weniger arbeiten, könnte die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden. Rund eine Million Arbeitsplätze könnten so entstehen, schätzte die IG Metall.

Tatsächlich auf die Tagesordnung kam die 35-Stunden-Woche allerdings erst 1984: Die IG Metall begann dafür den größten Streik in der Geschichte der Bundesrepublik. 70000 Metaller legten die Arbeit nieder, die Arbeitgeber reagierten mit 130000 Aussperrungen. Fast sechs Millionen Ausfalltage summierten sich auf diese Weise. Zum Vergleich: In allen Branchen zusammen waren seit 1949 jährlich nur 750000 Arbeitstage durch Arbeitskämpfe verloren gegangen. Als Streik-Taktik wählte die IG Metall die so genannte Mini-Max-Strategie. Bei minimalem Aufwand sollte ein maximaler Effekt erzielt werden. Nur wenige Zulieferbetriebe wurden bestreikt - aber damit die gesamte Automobilindustrie lahm gelegt. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall beklagte dadurch Umsatzverluste von zwölf Milliarden Mark. Doch auch die Gewerkschaft kam der Streik teuer zu stehen: Die Streikgeldzahlungen der IG Metall beliefen sich auf eine halbe Milliarde Mark. Nach 86 Tagen Arbeitskampf wurde im Schlichtungsverfahren schließlich ein Kompromiss gefunden: 1985 sollte die Wochenarbeitszeit auf 38,5 Stunden sinken.

Für weitere langwierige Auseinandersetzungen fehlte der IG Metall in den folgenden Jahren das Geld. So blieb es in den späten 80ern bei einzelnen Warnstreiks. Erst 1990 war es wieder so weit, nun wollten die Gewerkschafter die 35-Stunden-Woche endgültig durchsetzen. Und tatsächlich: Nach einigen Warnstreiks gaben die Arbeitgeber nach, in einem Stufenplan wurde die 35-Stunden-Woche vereinbart. Am 1. Oktober 1995 trat sie für die westdeutsche Metallbranche in Kraft.

Für die ostdeutschen Metaller ging es langsamer. Obwohl die SED ihnen 1977 die Einführung der 40-Stunden-Woche zugesagt hatte, mussten sie 1990 noch genauso wie 1967 wöchentlich 43,75 Stunden in den Fabriken stehen. Mit der Etablierung von Tarifverträgen ab 1990 sank die Wochenarbeitszeit dann auch im Osten. 1994 lag sie bei 39 Stunden, 1996 wurden 38 Stunden erreicht. Wann es 35 Stunden werden und ob überhaupt – das weiß nach der langen Nacht von Berlin niemand. Flächendeckend, wie im Westen, ist das jedenfalls nicht in Sicht.

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