Brüssel entscheidet über Subventionen : Ist bald Schicht im Schacht?

Wann ist Schluss mit der Steinkohleförderung? Am Mittwoch entscheidet die EU-Kommission. Brüssel will den Bergleuten an Ruhr und Saar nur noch vier Jahre geben

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Banger Blick in die Zukunft. Kumpel des Bergwerks Auguste Victoria in Marl hoffen, dass ihre Arbeitsplätze mindestens bis 2018 erhalten bleiben. Foto: p-a/dpa
Banger Blick in die Zukunft. Kumpel des Bergwerks Auguste Victoria in Marl hoffen, dass ihre Arbeitsplätze mindestens bis 2018...Foto: picture alliance / dpa

100 Meter, 200, 300 – der Aufzug rast in die Tiefe. Die Männer lachen. Schon ist die erste Blamage perfekt. Von wegen Aufzug – Seilfahrt heißt das hier. Und ehe es hinabgeht, muss natürlich eine Prise Schnupftabak genommen werden. „Ohne bringt Unglück“, sagt Thomas Telsemeyer, der 1982 seine erste Schicht gefahren hat.

Das Unglück ist schon bei der Vorbereitung auf die erste Anfahrt allgegenwärtig. Stahlkappenstiefel an, Schienbeinschützer dazu, in der Lampenstube eine Birne auf den Kopf, einen Staubfilter für den Notfall auf den Rücken. „Die Null muss stehen“, warnen Plakate des Betriebsrats im Fußballerjargon und meinen die Zahl der Arbeitsunfälle. Am Vortag ist das Ziel mit dreien nicht ganz erreicht worden. Aus dem Korb, der nach unten führt, steigt nun die Frühschicht, die Gesichter schwarz. „Dieser Mann ist für Deine Sicherheit verantwortlich“, steht auf dem Spiegel, aus dem die Karikatur eines Kumpels starrt.

Bei 1113 Meter unter dem Meeresspiegel stoppt die Seilfahrt. Es ist die sechste Sole, jüngste und tiefste Schicht des Bergwerks Auguste Victoria in Marl, 1899 nach der letzten deutschen Kaiserin benannt. So tief muss man in Deutschland heute graben, um Steinkohle abzubauen. „Wir nähern uns dem Erdkern und dann wird’s flüssig“, sagt Telsemeyer im breiten Ruhrpottdialekt und registriert erheitert die aufblitzende Furcht in den Augen der Besucher. Bei den 53 Grad, die das Gestein hier unten hat, sei „das ganze Gebirge in Bewegung“.

Das ist das Problem der Bergleute. Die deutsche Steinkohle kostet viel mehr als anderswo auf der Welt, wo sie leicht zugänglich und ohne aufwendige Sicherheitstechnik gewonnen wird. 100 Dollar pro Tonne macht das aus, weshalb die deutschen Steuerzahler auch dieses Jahr zwei Milliarden Euro als Beihilfe obendrauflegen. Bundesregierung, Betreiber und Gewerkschaften haben daher vor drei Jahren beschlossen, dass 2018 Schluss sein soll mit der Kohle für die Kohle – und damit auch für die verbliebenen sechs Bergwerke in der Bundesrepublik.

Berlin hatte die Rechnung damals aber ohne Brüssel gemacht. Die Ausnahmegenehmigung, letztmals 2002 verlängert, mit der die europäischen Wettbewerbshüter die Subventionen absegnen müssen, gilt nur noch drei Wochen. Und mit der Verlängerung gibt es Probleme: Brüssel will den Bergleuten an Ruhr und Saar nur noch vier Jahre geben.

Oben im Besucherzentrum des Bergwerks Auguste Victoria, einer halbrunden Wellblechbaracke, die einen der unterirdischen Gänge imitiert, steht Franz-Josef Wodopia. Wie kaum ein Zweiter kennt der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands Steinkohle die Verstrickungen, an denen nun die Zukunft von derzeit noch 27 000 Beschäftigten in Deutschland hängt. Er ist sauer auf Brüssel, da die EU-Kommission das Jahr 2014 als großes Entgegenkommen gepriesen hat: „Die Befristung der Genehmigung hieß nie, dass es danach keine mehr gibt.“ Und Wodopia ist sauer auf Berlin, weil die Verantwortlichen sich erst viel zu spät gekümmert hätten: „Das Bundeswirtschaftsministerium hat da eine ganz schwache Vorstellung abgeliefert.“ Inzwischen sind die meisten anderen Mitgliedstaaten auf Linie gebracht, aber dennoch hängt es noch immer daran, ob die EU-Kommission am Mittwoch ebenfalls auf 2018 einschwenkt.

Der Marsch zieht sich. Vier Kilometer sind es zum nächsten Abbaupunkt. Die Kumpel müssen nicht alles laufen, sie springen auf die Förderbänder, die die noch warme Kohle zum Schacht transportieren. Aber auch so kann es schon mal eine Stunde dauern, „bis der Kumpel an der Kohle ist“, wie sie hier sagen. Das Streckennetz unter der Erde von Marl und dem Nachbarort Haltern zieht sich über hundert Kilometer lang. Die Hitze ist wegen der Zugluft kaum zu spüren.

Nun ist die Maschine zu hören – erst dumpf durch das Gestein, dann immer lauter. „Wenn Sie Männer mit nackten Oberkörpern und Hacken erwarten“, hat Werksleiter Jürgen Kroker oben gesagt, „dann muss ich Sie enttäuschen.“ Er leite einen „Hightech-Abbaubetrieb“, der täglich 11 000 Tonnen Steinkohle abbaut.

Hinter der nächsten Abbiegung fährt computergesteuert eine Art Schaufelradbagger auf einer Länge von 300 Metern an der schwarz glänzenden Wand entlang. „Die Kohle funkelt wie ein Diamant“, schwärmt Thomas Telsemeyer, der auf dem Bergwerk den Abbau leitet. „Das ist die modernste Maschine der Welt“, schreit er in den Krach des Baggers hinein, um das Argument seines Chefs zu unterstreichen, der zuvor „die Bedeutung eines aktiven Bergbaus für den deutschen Maschinenbau“ betont hat. Will heißen: Schließen die Zechen, kann man auch keine Technik mehr testen und exportieren. Brocken verschiedener Größe fallen auf das Förderband. Für Sekunden ist der freigelegte Teil der Decke nicht gesichert, was ein mulmiges Gefühl mit sich bringt. Kurz darauf rücken automatisch hydraulische Schilde nach, die sich mit ihren 30 Tonnen Gewicht alle 60 Zentimeter gegen die Erde stemmen.

Michael Lanfers bringt so etwas nicht aus der Ruhe. Er, der Steiger, ist der Chef des Zwölf-Mann-Trupps, der die Maschine überwacht. Auf ihn hören sie, denn Steiger zu sein zählt noch immer etwas – und nicht nur weil „Glück auf, der Steiger kommt“ die Ruhrpott-Hymne schlechthin ist, die sie auf Schalke oder beim VfL Bochum vor Spielen singen. Mit 16 Jahren, erzählt Lanfers, sei er zum ersten Mal in die Grube eingefahren. Schon der Vater und der Großvater hatten in der Zeche gearbeitet, da gab es nichts groß zu überlegen. Es war noch harte körperliche Arbeit damals. Früh musste der inzwischen 41-Jährige erkennen, dass er sich nicht für eine Zukunftsbranche entschieden hatte. Der erste Standort, an dem er arbeitete, die Zeche im Oberhausener Stadtteil Osterfeld, machte Anfang der 90er Jahre dicht. Und dennoch schiebt er den Gedanken daran, dass es auch die Zeche Auguste Victoria wohl nicht mehr lange geben wird, weit von sich: „Ich bin mit Leib und Seele Bergmann. Ich kann mir einfach keinen anderen Beruf vorstellen.“

Ist es der Nervenkitzel unter Tage? Der Machokult in dieser Männerbastion? Die eigene Geschichte voller Rituale und eigener Sprache? „Das Schöne ist der Zusammenhalt“, sagt der Steiger, der seit Jahren mit denselben Jungs arbeitet: „Man weiß genau, wie der andere tickt, kann sich hundertprozentig auf ihn verlassen.“ Das will Lanfers nicht aufgeben: „Ich hoffe“, sagt er mit Blick auf die Entscheidung in Brüssel, „dass es weitergeht.“

Das sieht der Betriebsratsvorsitzende Norbert Maus, der die rund 3600 Kumpel der Auguste Victoria vertritt, genauso. „Wir denken über 2014 gar nicht nach“, sagt er. Das deutsche Gesetz zum Kohlekompromiss sei dazu da, eingehalten zu werden. Doch berichtet der Gewerkschafter auch davon, dass die Unsicherheit den Kollegen an die Nieren geht. Die Kampfkraft kehrt aber schnell zurück: Der Ausstieg aus der Steinkohleförderung, so der Betriebsratschef, sei „definitiv falsch“; man setze sich für den Erhalt auch über 2018 hinaus ein. Es gebe da „immer noch ein Stück Hoffnung“.

Im Pausencontainer des Reviers 14 in 1300 Meter Tiefe sollen die Zahlenkolonnen verdeutlichen, wie das gehen kann. Auf langen Listen ist festgehalten, was in diesem Abschnitt des Bergwerks pro Tag an Geld ausgegeben wird – Arbeitsstunden, Material. Die Kostenkontrolle soll die deutsche Steinkohle effizienter machen. „Die Nachfrage steigt ja weltweit und damit der Preis“, wirft Thomas Telsemeyer ein. Wenn es so weitergehe, ginge es irgendwann „auch ohne Subventionen“. Plötzlich kommt Begeisterung auf. Man verweist auf noch nicht erschlossene Kohlefelder in der Umgebung mit hochwertiger Kokskohle. „Dazu brauchen wir nur das Okay, dass wir weitermachen dürfen.“ Dann sinkt doch wieder die Realität ein, dass zwischen Brüssel und Berlin nur noch der Zeitpunkt strittig ist, wann Schicht im Schacht sein soll: „Wir müssen ja nicht aufhören, weil wir keine Kohle mehr haben.“

Aus dem Sommer unter Tage geht es zurück in den Winter über Tage. Oben angekommen, grüßt die Geschichte, die bis 1990 auch jene des Chemiekonzerns BASF war, der das Bergwerk 1907 gekauft hatte. Schacht 1 und 2 sind bereits aufgefüllt, aus Schacht 6 ist ein Museum geworden. Dort wollen die Kumpel auf keinen Fall landen. In Schwarz, Rot und Gold werben sie am Ausgang in großen Lettern: „Wir wollen auch weiter für Energiesicherheit in Deutschland sorgen.“

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