Wirtschaft : BSE: Die Rinderseuche lässt die Pharma-Industrie kalt

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So wenig wir heute über die Rinderseuche BSE wissen - eines steht fest: Auch in Deutschland werden Patienten an dem seltsamen Erreger sterben, der in der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit auch über den Menschen kam. Die Krankheit gilt heute als unheilbar und verläuft immer tödlich. Und noch eines ist sicher: Die Pharma-Industrie lässt die Seuche kalt, Medikamente gegen die Krankheit wird es vorerst nicht geben. Denn der Markt gilt als nicht lukrativ.

In Frankreich und England gibt es heute rund 90 Menschen, die von der neuen Varitante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit befallen sind, inzwischen sind auch die ersten Toten zu beklagen. Doch den Gedanken, dass die Kuh-Seuche auch zur Volks-Seuche werden könnte, wagt im Moment niemand zu Ende zu denken. "Creutzfeldt-Jakob ist sicher nicht vergleichbar mit Aids", sagt ein Referent des Bundesforschungsministeriums, "aber wie es weiter geht, weiß im Moment keiner."

Da die Zielgruppe klein und die Entwicklung ungewiss ist, halten Pharmafirmen sich zurück. Einsatz muss sich lohnen, schließlich geben die Konzerne heute bis zu 500 Millionen Dollar für die Entwicklung eines einzigen Medikaments aus. Die Investitionen können sie nur wieder einspielen, wenn es sich um einen Wirkstoff für eine Volkskrankheit handelt, es also viele Patienten gibt, die das Medikament kaufen werden.

Creutzfeldt-Jakob ist keine Volkskrankheit. "Es ist zwar noch nicht klar, wie groß der humanmedizinische Marktanteil bei BSE ist", sagt ein Sprecher der Pharmafirma Merck, "aber die Zeiten, dass wir einfach auf gut Glück geforscht haben, sind vorbei." Auch Thomas Postina, Sprecher des Bundesverbandes der pharmazeutischen Industrie (BPI), gibt zu, dass "der wirtschaftliche Anreiz bescheiden ist. Und auch beim Bundesverband der Forschenden Arzneimittelhersteller heißt es nur: "Wir warten weiter ab, was passiert."

Das Dilemma taucht nicht zum ersten Mal auf und hat einen Namen: Orphan Drug, zu deutsch Waisen-Medikament. So nennt man Arzneien für Krankheiten, die nur relativ selten auftreten. Was als "selten" zu gelten hat, steht in einer seit Anfang des Jahres geltenden EU-Richtlinie: Krankheiten, unter denen maximal fünf von 10 000 Menschen leiden. Um trotz der kleinen Zielgruppe wirtschaftliche Anreize für die Arzneimittelentwicklung zu geben, erhalten die Hersteller für den Zeitraum von zehn Jahren exklusive Vermarktungsrechte. Außerdem werden den Unternehmen die Zulassungsgebühren ganz oder teilweise erlassen.

Pharma-Lobbyist geht trotzdem nicht davon aus, dass Pharma-Firmen das Risiko auf sich nehmen werden. In diesen Tagen hat der Neuropathologe Hans Kretzschmar vom Münchner Klinikum Großhadern darum in einem "Stern"-Interview gefordert, dass der Staat sich in der Therapieforschung engagieren müsse. Kretzschmar: "Durch den Pharmazie-Markt und durch Wegschauen regelt sich das nicht." Doch die Bundesregierung hält das im Moment nicht für nötig. "Wenn die Industrie kein Medikament entwickeln will, können wir sie nicht zwingen", sagt ein Referent des Bundesforschungsministeriums. Öffentliche Gelder zur Erforschung der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit seien nicht vorgesehen. Forschungsministerin Bulmahn hofft stattdessen auf eine europäische Lösung. Am 15. Dezember werden sich EU-Experten treffen, um weitere Schritte zu beraten.

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