Wirtschaft : BSE: Hühnerbrüste in 50 Tagen im Containerschiff

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Für die Farmer Argentiniens und Brasiliens sind die BSE-Nachrichten aus Europa überwiegend gute Nachrichten. Denn sie sind es, die am flexibelsten auf jede Nachfrageänderung in Euroland reagieren können - und das auf beinahe allen Produktionsstufen der Lebensmittelkette. Für europäische Konsumenten, die kein hiesiges Rindfleisch mehr essen wollen, bieten Südamerikas Geflügelzüchter Alternativen an: Brasilien ist Nummer drei weltweit unter den Geflügelexporteuren. Derzeit produziert das Amazonasland 5,7 Millionen Tonnen Hühnerfleisch im Jahr. Bisher gehen 77 000 Tonnen nach Europa - mehr darf Brasilien nicht exportieren, weil die Exporte sonst noch höher besteuert würden.

Dabei könnte Brasilien seine Produktion problemlos um 1,3 Millionen Tonnen steigern. "Wir haben die Kapazitäten und können sofort reagieren", sagt Paulo Molinari von der Agentur Safras & Mercados in Curitiba, "in 50 Tagen liegen die Hühnerbrüste im Containerschiff nach Rotterdam." Außerdem produzieren Brasiliens Großmäster wie Sadia oder Perdigo konkurrenzlos billig: Nur etwa ein Zehntel kostet die Produktion von einem Kilo Hühnerfleisch in Brasilien gegenüber den USA. Das Gleiche gilt auch für die Schweine- und Truthahnproduktion, die wie die Hühnermäster vor allem von den billigen Futtermitteln profitieren.

Wenn die Europäer ab sofort nur Rindfleisch essen wollen, dass von Tieren stammt, die nie mit Knochen- oder Fleischmehl gefüttert wurden, dann könnten Argentinien und Brasilien ebenfalls die Nachfrage befriedigen. Nur etwa 15 Prozent der argentinischen Rinder und nur rund ein Prozent der brasilianischen Herden werden in Ställen zur Schlachtreife gemästet - und auch dort nur mit Futterweizen, Mais oder Sojaschrot. Die übrigen Rinder in Brasilien und Argentinien leben bis zu ihrem Schlachttag auf Weiden. Dennoch exportieren Argentinien wie Brasilien jeweils weniger als 15 Prozent ihrer Produktion - in die EU sogar nur einen Bruchteil ihrer Gesamtexporte. Grund ist die "verdammte Quote", wie der argentinische Agrarexperte Luis Kasdorf in Buenos Aires sagt. Mehr als 28 000 Tonnen hochwertiges Rindfleisch darf etwa Argentinien nicht in die EU exportieren, 90 Prozent davon nach Deutschland. Diese so genannte "Hilton-Quote" haben die Europäer den Argentiniern nach den GATT-Vereinbarungen jährlich zugestanden. Brasilien darf noch weniger exportieren. Alle Exporte über diese Kontingente hinaus werden so hoch besteuert, dass sie nicht mehr konkurrenzfähig sind.

Dabei könnte vor allem Brasilien derzeit problemlos eine Million Tonnen Rindfleisch exportieren - statt der heute weltweit insgesamt 620 000 Tonnen, wovon nur 90 000 Tonnen in die EU gehen. Doch nur mittelfristig rechnen die südamerikanischen Fleischproduzenten mit einer ansteigenden Nachfrage nach ihrem Rindfleisch in der EU.

"Derzeit spüren wir erstmal einen starken Rückgang der Nachfrage", sagt Denizar Antunes von Bertin Ltda., Lins bei Sao Paulo, dem größten Rindfleischexporteur Brasiliens, "die Importeure aus Europa kündigen die Verträge, weil die Abnehmer abwinken." Nur bei Geflügel hat der Tonnenpreis für Exporte in die EU in einem Monat um 30 Prozent zugelegt. Analysten bezweifeln jedoch, dass die Preiserhöhung bereits durch den Substitutionseffekt der Konsumenten entstanden sei, die wegen BSE von Rind auf Geflügel wechseln.

Viel klarer dagegen wirkt sich der BSE-Skandal bereits auf die Preise von Soja, Mais und anderen Vorprodukten für Futtermittel aus, deren Preise in Chicago in den letzten Wochen eine starke Hausse erlebten.

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