Wirtschaft : BSE-Krise: Fleischindustrie vor Massenentlassungen

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Im Gefolge der BSE-Krise könnten in den betroffenen Industrien bald Massenentlassungen an der Tagesordnung stehen. "In der fleischverarbeitenden Industrie, im Handwerk und in den Schlachthöfen sind mindestens 10 000 Arbeitsplätze bedroht", warnt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Eng wird es auch für die Landwirte. "Der Druck wächst täglich", sagte ein Sprecher des Bauernverbandes. Am Montag protestierten in Oldenburg 5000 Landwirte gegen die Politik der Bundesregierung.

Bei den Landwirten habe sich die Lage seit Ende November "dramatisch zugespitzt", sagte Bauernverbandssprecher Michael Lohse. Der Rückgang der Schlachtungen um bis zu 50 Prozent, der dramatische Einbruch bei den Rindfleischpreisen und die noch weitgehend ausgebliebenen Finanzhilfen von Bundesregierung und EU-Kommission bringe viele Unternehmen in Existenznöte. Als Belastung kämen nun auch Mehrkosten für die Stallhaltung, für BSE-Tests und für die Entsorgung hinzu. Denn seit dem Verbot der Tiermehlverfütterung können die Bauern auch nicht mehr mit dem Ausgleich durch den Verkauf toter Tiere an die Tiermehlverarbeitungsbetriebe rechnen. "Für den einen oder anderen Betrieb könnte es schon in den nächsten Wochen eng werden", sagte Lohse.

Der Bundesregierung warf Lohse vor, mit ihrer "Hinhalte-Taktik" für weitere Belastungen zu sorgen. Weder bei der umstrittenen Rauskaufaktion von 400 000 Rindern, noch bei der Finanzierung der BSE-Tests sowie anderen Ausgleichszahlungen gebe es bislang klare Antworten.

Die Krise werde den Strukturwandel in der Landwirtschaft noch weiter beschleunigen. Bislang gaben im Durchschnitt jedes Jahr 20 000 der derzeit noch 450 000 Betriebe auf, rund 50 000 Arbeitsplätze fielen jährlich weg. Gefährdet seien nun vor allem junge Landwirte, die massiv in die Modernisierung ihrer Betriebe investierten, sowie reine Grünlandbetriebe, die zur Rinderhaltung keine Alternative hätten. Insgesamt gibt es in Deutschland 230 000 rinderhaltende Betriebe, das ist jeder zweite landwirtschaftliche Betrieb.

Bereits sichtbar sind die Auswirkungen in der fleischverarbeitenden Industrie und den Schlachtbetrieben mit derzeit noch 200 000 Beschäftigten. Nahezu alle Betriebe hätten Kurzarbeit angemeldet, sagte NGG-Vorstand Franz-Josef Möllenberg dem Tagesspiegel. "Vorerst werden Überstunden abgebaut und befristete Verträge gekündigt. In spätestens sechs Monaten aber könnte es zu einer dramatischen Entlassungswelle kommen." Beim Fleischkonzern Moksel wurden vorerst 100 Beschäftigte des Schlachtbetriebs in Buchloe auf Kurzarbeit gesetzt. "Ob es Entlassungen geben wird, hängt von der Entwicklung in den nächsten Wochen ab", sagte Konzernsprecher Hans-Dieter Geiß.

In den Schlachthöfen ist das Aufkommen seit Bekanntwerden der ersten BSE-Fälle um gut zwei Drittel zurückgegangen, der Fleisch- und Wurstverzehr ist um mehr als 30 Prozent gesunken. Für die ohnedies bereits von einem harten Strukturwandel betroffene Fleischindustrie sei die BSE-Krise ein vernichtender Schlag. Scharf kritisierte NGG-Vorstand Möllenberg "einzelne schwarze Schafe" in der Wurstwarenindustrie, die die Lage mit der Falschauszeichnung von Produkten noch zusätzlich verschärft hätten. Der Verkauf von Wurstwaren sei fast vollständig zusammengebrochen. Doch inzwischen zieht die Krise noch weitere Kreise: Nach Angaben der Gewerkschaft machen sich auch bei den Futtermittelherstellern und in der Lederbranche Engpässe bemerkbar.

Positiv gestimmt scheinen derzeit nur die Entsorger. Beim Verband der Fleischmehlindustrie, zu dem auch die Tierkörperbeseitigungsanstalten gehören, spricht man von einer "guten Auslastung" der bundesweit etwa 50 Betriebe. Sollte es zur Keulung großer Rinderbestände kommen, "könnte es kurzfristig Neueinstellungen in den Betrieben geben", sagte Geschäftsführer Harald Niemann.

Arbeitsplätze könnte aber auch die Neuorientierung der deutschen Agrarpolitik sichern. Der Trend hin zu sicheren und qualitativ hochwertigeren Nahrungsmitteln werde auch in der Industrie den Bedarf an besser ausgebildeten Arbeitskräften erhöhen und zusätzliche Stellen schaffen, sagte NGG-Chef Möllenberg. Sollten die Verbraucher in Zukunft bereit sein, mehr Geld für höherwertige Nahrungsmittel auszugeben, "wird dies die Lage in den Unternehmen entspannen", hofft er. Der Trend zu Billigprodukten habe in den vergangenen Jahren einen enormen Kostendruck in der Industrie ausgelöst. "Auf Qualität konnte kaum noch geachtet werden." Nun werde es entscheidend auf den "Sinneswandel" bei Verbrauchern und Handelskonzernen ankommen.

Auf den "Sinneswandel" hofft auch die Landwirtschaft. Der Trend zu Öko-Produkten und höheren Qualitäten der herkömmlichen Nahrungsmittel könnte den Stellenabbau bremsen, sagte Bauernverbandssprecher Lohse. Während ein konventioneller Betrieb im Durchschnitt 1,65 Arbeitskräfte beschäftigt, liegt das Mittelmaß in ökologisch geführten Betrieben bei 1,80.

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