Wirtschaft : Bsirske will den Schwund stoppen Volle Konzentration auf Mitgliederwerbung

Leipzig – Der gerade wiedergewählte Verdi-Chef Frank Bsirske hat seine Organisation aufgerufen, sich selbst besser und zielgenauer auf die Wünsche einzelner Berufsgruppen einzustellen. Die Diskussion um einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer drehe sich nicht von ungefähr um die Frage, ob die Berufsgruppe ihrer Verantwortung entsprechend bezahlt werde, sagte Bsirske am Freitag auf dem Bundeskongress der Gewerkschaft in Leipzig. Diese Frage müsse auch bei Busfahrern, Technikern, Ingenieuren, Erzieherinnen oder Pflegekräften gestellt werden. Verdi müsse sich stärker „auf die unterschiedlichen Lebenslagen, Sorgen und Hoffnungen der einzelnen Beschäftigtengruppen“ einlassen, mahnte Bsirske. Davon hänge auch ab, ob es der Gewerkschaft gelinge, den nach wie vor hohen Mitgliederverlust umzukehren.

Seit ihrer Gründung vor sechseinhalb Jahren ist die Zahl der Mitglieder um rund 600 000 auf 2,2 Millionen gesunken. Verdi ist damit nach der IG Metall, die rund 2,3 Millionen Mitglieder zählt, die zweitgrößte deutsche Gewerkschaft. Alles, was die Gewerkschaft tue, müsse der Frage standhalten, was es für die Entwicklung der Mitgliederzahl bringe.

Bsirske bekräftigte in seiner zweistündigen Rede vor den rund 1000 Delegierten die Forderung nach einem flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 7,50 Euro. Bis es so weit sei, müsse ein Mindestlohn in verschiedenen Branchen über eine Ausweitung des Arbeitnehmerentsendegesetzes geregelt werden. In diesem Zusammenhang verlangte der Verdi-Chef, alle Dienstleistungsberufe in das Entsendegesetz aufzunehmen. Er bekräftigte die Forderung nach Mindestlöhnen in der Postbranche. Bis Ende des Jahres sollten daher Briefzusteller ins Entsendegesetz aufgenommen und auf diesem Wege der von den Tarifpartnern vereinbarte Mindestlohn von 9,80 Euro im Westen und 9,00 Euro im Osten allgemeinverbindlich erklärt werden.

Im Kampf gegen „Sozialdumping“ mahnte Bsirske eine stärkere Zusammenarbeit der Gewerkschaften in Europa an. So müssten internationale Finanzströme und Spekulationsgeschäfte stärker reguliert und die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank stärker auf beschäftigungspolitische Ziele verpflichtet werden. Bsirske, der am Dienstag mit einem überzeugenden Ergebnis an der Spitze der Gewerkschaft bestätigt worden war, hatte die Delegierten auf harte Tarifauseinandersetzungen insbesondere im öffentlichen Dienst eingeschworen. Der Verdi-Bundeskongress, der alle vier Jahre stattfindet, geht an diesem Sonnabend zu Ende. Tsp/dpa

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