Wirtschaft : Bücher statt Burkas

Die Organisation „Voice of Women“ hilft afghanischen Frauen, Unternehmen zu gründen und sich zu bilden.

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Hilfe zur Selbsthilfe gibt es in den Frauenhäusern in Afghanistan. Foto: privat
Hilfe zur Selbsthilfe gibt es in den Frauenhäusern in Afghanistan. Foto: privat

Berlin - Die Taliban hämmerten an die Tür des Hauses in einem Vorort von Kabul, dann musste alles ganz schnell gehen. „Die 25 Mädchen, die im Hof um den Ofen saßen, warfen ihre Bücher, Stifte und Blöcke ins Feuer, um alle Spuren zu beseitigen“, erzählt Suraya Pakzad. 1998 begann die Afghanin heimlich und unter großem Risiko, Mädchen von Nachbarn und Freunden zu unterrichten, weil die Taliban die Schulen geschlossen und ihnen das Lesen- und Schreibenlernen verboten hatten. Am Anfang kamen nur eine Handvoll Mädchen in ihr Haus, nach ein paar Monaten aber hatte Pakzad zehn solcher geheimen Schulen in der afghanischen Hauptstadt aufgebaut.

Die Taliban, die 1996 die Macht in Afghanistan übernahmen, sorgten dafür, dass die Frauen aus dem öffentlichen Leben verschwanden, zwangen sie unter Burkas, nahmen ihnen jegliche Rechte. Pakzad, selbst Mutter von sechs Kindern, wollte das nicht akzeptieren. Denn sie hat noch andere Zeiten in ihrem Land erlebt. „Bevor die Taliban kamen, gab es Gleichberechtigung“, erzählt sie, die in Kabul Literatur studierte. „An der medizinischen Fakultät der Universität studierten damals mehr Frauen als Männer“.

Nach der Befreiung von der Gewaltscherrschaft der Taliban 2001 gründete Pakzad unter dem Namen „Voice of Women“ die erste Frauenrechtsorganisation der jungen Republik. Ihre Arbeit wird dringend gebraucht, denn die Lage der Mädchen und Frauen im Land wandelt sich nur langsam zum Besseren. Immer noch sind 78 Prozent der Mädchen in Afghanistan ohne Schulbildung, Gleichberechtigung wird kaum gelebt, Gewalt gegen Frauen ist alltäglich.

„Voice of Women“ betreibt heute Frauenhäuser im Land, die Schutz, Fortbildungen sowie juristische, psychologische und medizinische Beratung anbieten. „Wenn wir starke Mädchen wollen, brauchen wir starke Mütter“, sagt Pakzad, die in dieser Woche nach Berlin gekommen ist, um einen Preis der Astraia Foundation für ihre Arbeit anzunehmen. Die 2011 von der Unternehmerin Kerstin Plehwe initiierte Stiftung sammelt Gelder für Frauenrechtsprojekte in der ganzen Welt und verspricht, dass 100 Prozent der Spenden vor Ort ankommen. Neben „Voice of Women“ unterstützt die Stiftung derzeit unter anderem eine mobile Klinik in den Bergen Ugandas, ein Wiedereingliederungsprojekt für Straßenkinder in Indien sowie Näh- und Alphabetisierungsprojekte in Niger. „Obwohl Frauen zwei Drittel der Arbeit weltweit verrichten, erwirtschaften sie nur fünf Prozent des Einkommens und halten nur ein Prozent des Eigentums“, sagt Plehwe.

Auch zu den Beratungsangeboten von Pakzad gehört die Hilfe bei der Existenzgründung. Ziel ist es, mehr Frauen finanzielle Unabhängigkeit zu verschaffen. „Es hilft nichts, den Menschen jeden Tag einen Fisch zu geben, man muss ihnen beibringen, zu fischen“, erzählt Pakzad. In den Frauenhäusern bietet ihre Organisation zum Beispiel Kurse zur Seidenweberei oder zur Herstellung von Kerzen und Teppichen an. Eine Gruppe von 20 Frauen, die bei „Voice of Women“ gelernt hatten, Seidenschals herzustellen, haben eine Kooperative gegründet und verkaufen ihre Produkte mittlerweile sogar nach Europa. Und auch die EU finanziert ein Projekt der Organisation . In vier Zentren schult „Voice of Women“ derzeit Afghaninnen für hohe Posten in der Verwaltung. „In zwei Jahren wollen wir 500 Frauen qualifiziert haben“, hofft Pakzad.

Ohne die Männer aber, sagt die Frauenrechtlerin, wird es keinen Wandel im Land geben. Ihr 14-jähriger Sohn, erzählt sie, der während der Herrschaft der Taliban aufwuchs, versteht nicht, warum seine Mutter arbeitet und Auto fährt. Deshalb lädt „Voice of Women“ Männer zu Diskussionen und Gesprächen ein. „Die Menschen müssen begreifen, dass Gleichberechtigung möglich ist, ohne dass wir unsere Religion und Kultur aufgeben müssen“, sagt Pakzad. Jahel Mielke

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