Wirtschaft : Bündnis für Arbeit: "Überstundenabbau ist keine Lösung"

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Bert Rürup ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Herr Rürup, Bundeskanzler Schröder ist der Meinung, das "Bündnis für Arbeit" habe sich als Reformmotor bewährt. Stimmen Sie ihm zu?

Das ist wie mit dem Glas Wasser: Man weiß nie, ob es nun halb voll oder halb leer ist. Wenn man das Bündnis nur daran misst, ob Arbeitslosigkeit abgebaut wurde, dann ist es kein großer Erfolg. Man muss es differenzierter betrachten. Fortschritte hat das Bündnis vor allem bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und bei der Tarifpolitik gebracht. Die außerordentlich moderaten Abschlüsse des vergangenen Jahres und hoffentlich ihre mittelfristige Fortsetzung wird man ebenfalls dem Bündnis zuschreiben müssen.

Über den Überstundenabbau ist am Sonntag keine Einigung erzielt worden. Die Gewerkschaften gehen davon aus, dass durch die Umverteilung der vorhandene Arbeitszeit mehrere Hunderttausend neue Arbeitsplätze entstehen können. Teilen Sie den Optimismus?

Das ist eine Milchmädchenrechnung. Es ist nicht möglich, das in der Tat sehr hohe Volumen an Überstunden in neue Vollzeitarbeitsplätze umzurechnen. Man muss zunächst prüfen, ob bei den Arbeislosen die entsprechende Qualifizierung vorhanden ist. Und daran darf man zweifeln, denn anders ist es nicht zu erklären, dass wir bei 3,9 Millionen Arbeitslosen einen Facharbeitermangel in nahezu allen Bereichen haben. Die Mehrzahl der heutigen Arbeitslosen ist nicht aufgrund eines Nachfragemangels nach Arbeit ohne Beschäftigung, sondern vorwiegend aufgrund nicht oder nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt vermittelbaren Qualifikationen.

Was halten Sie von dem Gewerkschaftsvorschlag, Überstunden per Gesetz zu beschränken?

Gar nichts. Wenn man Überstunden in neue Arbeitsplätze umwandeln will, ist ein gesetzliches Verbot von Überstunden nicht der richtige Weg. Sinnvoller ist eine Kombination aus Qualifizierung und Jobrotation nach dänischem Vorbild und die Erleichterung befristeter Einstellungen - uns zwar auch und gerade von älteren Arbeitnehmern. Gut finde ich auch die Idee, Lebensarbeitskonten anzulegen und die Überstunden zu sammeln. Aber das sollte dann nicht genutzt werden, um frühzeitig in Rente zu gehen.

Warum nicht?

Wir leben in einer alternden Gesellschaft. Das führt nicht nur zu einer Beeintächtigung des Wirtschaftswachstums, sondern auch zu wachsenden Umverteilungsproblemen zwischen jung und alt. Da bringt es gar nichts, die Lebensarbeitszeit des Einzelnen zu verkürzen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen versuchen, die Erwerbsarbeit zu maximieren - und zwar auch über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Jede Verlängerung der Erwerbsphase führt dazu, dass Transfereinkommen durch Erwerbseinkommen ersetzt wird.

Jahrzehntelang hat man darüber geredet, Arbeitnehmer möglichst früh in die Rente zu schicken, um Platz für die Jungen zu schaffen. Jetzt will man Ältere weiterqualifizieren, um ihre Beschäftigungschancen zu erhöhen. Deutet sich ein Paradigmenwechsel an?

Wenn das so wäre, dann wäre das ein großer Fortschritt und ein großer Erfolg der Bündnisgespräche.

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