Bürgerarbeit : Ein Labor namens Barleben

Gemeinnützige Arbeit statt Hartz IV: Ein Modelldorf in Sachsen-Anhalt könnte Vorbild für ganz Deutschland werden.

Yasmin El-Sharif

BarlebenMan braucht etwa 20 Gehminuten, um das Labor zu durchschreiten. Das Labor heißt Barleben und ist ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt, nur wenige Kilometer von Magdeburg entfernt. Das 6000-Seelen-Dorf ist seit etwa eineinhalb Jahren Versuchsort für ein Projekt. Wenn es funktioniert, könnte Barleben Modell für ganz Deutschland werden.

Auf den ersten Blick sieht Barleben so ähnlich aus wie andere Orte auch: eine Kirche, zwei Supermärkte, ein Fleischerladen, ein Imbiss. Und doch ist hier etwas anders als in anderen Dörfern Ostdeutschlands. Hier herrscht nahezu Vollbeschäftigung, seitdem es in Barleben Bürgerarbeit gibt. Im gesamten Osten Deutschlands liegt die Arbeitslosenquote bei fast 14 Prozent.

Ursprünglich stammt das Modell der Bürgerarbeit aus der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt-Thüringen. Vor etwa drei Jahren hatte sich der dortige Behördenleiter das Konzept ausgedacht. Seine Idee beruhte auf einer simplen Frage: Warum finanziert der deutsche Staat Arbeitslosigkeit statt Arbeit? Die Arbeitslosen in den Versuchsorten, denen nur noch wenige Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt eingeräumt werden, arbeiten deshalb inzwischen in staatlich finanzierten gemeinnützigen Jobs. Etwa bei Vereinen, Pflegeeinrichtungen oder Kirchen. Dem Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) zufolge, das für Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) ein Gutachten zur Workfare (gemeinnützige Arbeit) erstellt hat, meint, dass auf diese Weise bundesweit bis zu 1,4 Millionen Arbeitsplätze entstehen könnten. Das hat Glos so sehr beeindruckt, dass sein Ministerium jüngst forderte, Bürgerarbeit in ganz Deutschland einzuführen.

In Barleben ist Annelie Frase von Anfang an Teil des Experiments. Seit Februar 2007 arbeitet sie in der „Heimatstube“, einem kleinen Museum des örtlichen Heimatvereins. Hier archiviert und bereitet die 55-Jährige die Sachspenden von Barlebener Bürgern auf: Möbel, Spielzeug, Kleider, die hinterher in der Ausstellung gezeigt werden. Da Frase gelernte Maßschneiderin und außerdem Archivarin ist, passt die Stelle „wie die Faust aufs Auge“, wie sie sagt. Vor der Zeit als Bürgerarbeiterin war Frase knapp fünf Jahre arbeitslos. Sie rechnete damals nicht mehr damit, noch eine Arbeit zu finden – in ihrem Alter und mit ihrer Hörbehinderung. Erst die Bürgerarbeit habe ihr eine neue Chance gegeben, sagt sie.

Das Geheimnis der Bürgerarbeit besteht nach Ansicht von Experten schlichtweg darin, dass sie aus mehreren Schritten besteht. Dem Einsatz als gemeinnützigen Arbeiter gehen intensive Vermittlungsversuche in den ersten Arbeitsmarkt sowie Weiterbildungsprogramme voraus; nur wer dort nicht unterkommt, wird in die Bürgerarbeit übernommen. Dank der intensiven Betreuung der Arbeitslosen konnte die Erwerbslosenquote in Barleben schon wenige Monate nach der Einführung des Modells von ursprünglich mehr als acht Prozent auf rund drei Prozent gesenkt werden. Inzwischen hat sie sich bei etwas mehr als vier Prozent eingependelt – nach gängiger Definition ist das schon Vollbeschäftigung.

Auch Annemarie Meyer ist wieder beschäftigt. 14 Jahre lang war die Facharbeiterin ohne Job. Nun aber liest die 58-Jährige im „Sonnenhof“, einem Heim für betreutes Wohnen, älteren Leuten die Zeitung vor oder begleitet sie zum Arzt. 30 Stunden macht sie das in der Woche. Dafür bekommt sie ein bisschen mehr Lohn, als ihr als Hartz-IV-Empfängerin zustünde: 825 Euro werden monatlich auf ihr Konto überwiesen. Davon gehen aber noch ihre Kranken- und Rentenversicherung sowie die Wohnkosten ab. Fast wie bei einer richtigen Stelle.

In diesem Punkt unterscheidet sich die Bürgerarbeit in Barleben allerdings von dem im Hause Glos bevorzugten Modell. Demnach soll nämlich das Hartz-IV-Niveau bei den Bürgerarbeitern nicht oder nur minimal überschritten werden. Sonst sei der Ansporn, weiter nach einer Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu suchen, nicht mehr da, heißt es zur Begründung. Auch muss man im Workfare-Modell 39 statt 30 Stunden arbeiten.

Für die Barlebener Bürgerarbeiterinnen Meyer und Frase wäre das kein Problem, wie sie sagen, sie würden trotzdem arbeiten gehen. „Nichts zu tun, ist doch keine Lösung“, sagt Meyer. Vielleicht wäre es sogar besser für sie, wenn sie nach dem Modell von Glos und nicht nach dem der Arbeitsagentur arbeiteten. Denn während das Bürgerarbeitsmodell mit Geldern der Agenturen und des Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert werden muss und zunächst befristet ist (siehe Kasten), könnten mit dem Workfare-Modell womöglich sogar Kosten gespart werden.

Und trotzdem stößt die Idee bei vielen Ökonomen und Arbeitsmarktexperten auf Ablehnung. Sie sehen in der Bürgerarbeit die vollständige Kapitulation. „Das oberste Ziel des Staates muss sein, die Leute wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen“, sagt Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Mit der Bürgerarbeit richteten sie jedoch faktisch einen dritten Arbeitsmarkt ein, aus dem die Leute nicht mehr rauskämen. In Barleben sind bisher sechs von insgesamt 65 Bürgerarbeitern auf den ersten Arbeitsmarkt zurückgekehrt. Schäfer kritisiert zudem, dass reguläre Jobs verdrängt werden könnten.

Auch der Berliner Senat lehnt das von Glos vorgeschlagene Modell ab, wenn auch aus anderen Gründen. „Wenn jemand Arbeit leistet, muss das auch ordentlich bezahlt werden“, sagt Anja Wollny, Sprecherin von Arbeitssenatorin Heidi Knake-Werner (Die Linke).

Das Bundesarbeitsministerium sieht erst recht keinen Anlass, sich mit dem Vorschlag zu beschäftigen. „Das Wirtschaftsministerium ist weder für den Arbeitsmarkt zuständig, noch sind wir damit von der Regierung beauftragt worden“, sagt Sprecherin Barbara Braun.

Doch vielleicht hat das Ministerium Glos einfach den falschen Zeitpunkt gewählt, 15 Monate vor der nächsten Bundestagswahl. Möglicherweise aber verhält es sich mit der Bürgerarbeit so, wie sonst bei Labortests auch – sie brauchen Jahre, bis ihre Ergebnisse marktreif sind.

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