Wirtschaft : Büroartikelhersteller Herlitz in der Nähe des Abgrunds

BERLIN (alf). Die jüngste Vergangenheit der Herlitz AG ist offenkundig weitaus dramatischer verlaufen als bislang angenommen. Der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Peter Friedrichsen sagte am Dienstag auf der Hauptversammlung im ICC, das Unternehmen habe im vergangenen Jahr "ein paar Mal am Rande des Abgrunds gestanden". Nach den bereits sehr problematischen Vorjahren sei "1998 das schwierigste Geschäftsjahr überhaupt gewesen". Der Einbruch im Kerngeschäft PBS (Papier, Büroartikel, Schreibwaren) "war sehr dramatisch und führte fast zu einem Schock". Da Herlitz ohne Krisenerfahrung sei, habe es im Unternehmen Lähmungserscheinungen gegeben. Diese Situation sei nun überwunden, "1999 muß die Wende geschafft werden", sagte der Aufsichtsratschef. "Ertrag vor Wachstum, straffes Sortiment, weniger Komplexität und eine klare Führung", das seien die Maßgaben.

Vorstandschef Karel de Vries sagte zu den Aktionären, "die Vergangenheitsbewältigung ist so gut wie abgeschlossen". In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres sei "die Planung eingehalten" worden, für das Gesamtjahr würden roten Zahlen im "unteren zweistelligen Bereich" erwartet. 1998 hatte Herlitz mit einem Verlust von 67,8 Mill. DM (1997: 90 Mill. DM) abgeschlossen, der Umsatz war um 200 Mill. DM auf 1,2 Mrd. DM gesunken; der Rückgang ergab sich allerdings auch durch den Verkauf der Handelstochter McPaper an die Deutsche Post. De Vries erklärte den 98er-Verlust mit den "heftigen Turbulenzen" im PBS-Markt; Preisdruck und höhere Rohstoffpreise, insbesondere für Papier, hätten zu einem Margenverlust von 35 Mill. DM geführt. Ferner, so de Vries, seien in der Verlustsumme für 1998 bereits "sämtliche Kosten der Restrukturierung" auch für die folgenden Jahre enthalten. Über Maßnahmen der "Restrukturierung und Prozeßoptimierung" will Herlitz in diesem Jahr rund 26,5 Mill. DM sparen, im kommenden Jahr sind knapp 60 Mill. DM und 2001 73 Mill. DM veranschlagt. Dabei wird auch die Zahl der Mitarbeiter weiter sinken: 1998 fiel der Personalstand von 5420 auf 4483, davon wurden "rationalisierungsbedingt" bislang 245 Arbeitsplätze gestrichen, insgesamt sollen "rund 480 Stellen" abgebaut werden.

Zu den Sanierungsmaßnahmen gehört die Zusammenfassung von produzierenden Bereichen in sogenannte Produktunternehmen, beispielsweise im Bereich Büro, in dem die Ordner- und Registraturenfertigung von Herlitz und Herlitz-Töchtern zusammengefaßt sind. Im Rahmen der "Bündelung" des gesamten PSB-Bereichs wurden die Standort Haan und Leinetal sowie zwei Standorte in Stuttgart geschlossen. Ferner wurde die Papier-Kleinserienfertigung nach Polen und die Registraturfertigung nach Tschechien verlagert. Das gesamte Herlitz-Sortiment wurde um 25 Prozent reduziert. Der neue Vertriebs- und Marketingvorstand Jürgen Schlebrowski kündigte eine stärkere Differenzierung nach den Absatzbereichen Schule, Büro/Schreiben sowie Freizeit an. Die Herlitz-Stärke sei der Auftritt als "Systemanbieter" im Einzelhandel. Allerdings "ist die Innovationskraft, die Herlitz mal ausgezeichnet hat, nicht mehr da".

Aktionärsvertreter kritisierten insbesondere den Absturz der Herlitz-Aktie in den vergangenen Jahren. Das Sanierungsprogramm von de Vries werde "mit Skepsis" gesehen, schließlich höre man seit Jahren die gleiche optimistische Botschaft, meinte eine Sprecherin der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Herlitz-Aktionäre müßten noch eine ganze Weile "mit dem Prinzip Hoffnung leben".

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