Bürogemeinschaften : Wo sich Freiberufler Nestwärme mieten

Früher arbeiteten Firmengründer im Café – heute können sie Büros auf Zeit mieten.

Svenja Markert
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Zusammen ist man weniger allein. Gründer sind oft Einzelkämpfer - im Gemeinschaftsbüro "Betahaus" können sie sich Verstärkung...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Moritz Waldstein, Martin Elwert und Robert Rudnick haben gerade ihre Jacketts ausgezogen. Sie sitzen an einem dunklen Schreibtisch und schauen in den Businessplan für ihre neue Firma, vor ihnen stehen Laptops. Ihr Büro, das sie sich für die Firmengründung ausgesucht haben, teilen sie mit 120 anderen Freiberuflern. Um sie herum sitzen Produktdesigner, Drehbuchschreiber, Grafiker. Alles Selbstständige um die 30 Jahre, die es satt haben, für sich alleine zu arbeiten. Sie bilden hier im Betahaus in Kreuzberg eine Bürogemeinschaft auf Zeit – für einen Tag, ein paar Wochen oder sogar Monate. Sie tippen emsig auf den Tastaturen oder unterhalten sich leise. Man duzt sich. Zwischen den Tischen stehen Palmen, von der Decken der alten Fabrikräume hängen bunte Lampen und weiße Kabel mit Steckdosen. „Für uns ist das Betahaus genau der richtige Startpunkt für unsere Firma, es ist inspirierend“, erklärt Rudnick.

Vor einem Jahr wurde das Betahaus von sechs jungen Kreativen gegründet, denen es ganz ähnlich ging wie ihren heutigen Mietern. Während und nach ihrem Studium haben sie angefangen, als Freie zu arbeiten – als Designer, Rechtsanwalt, Unternehmensberater und in Webprojekten. Den geeigneten Arbeitsplatz gab es jedoch nicht, die Idee zum Betahaus war geboren. „Wir wollen die guten Seiten einer Firma darstellen, nette Kollegen, nette Atmosphäre und gutes Essen,“ sagt Madeleine von Mohl, eine der Gründerinnen.

Auf 1000 Quadratmetern, in den früheren Räumen einer Druckerei und einer Putzlappenfirma, richteten sie 150 Arbeitsplätze ein, kleine Konferenzräume und ein Telefonzimmer mit Ledercouch. Im Erdgeschoss gibt es ein Café, dahinter entsteht gerade ein Atelier für Architekten und Modellbauer. Die Betahaus-Kollegen auf Zeit können zwischen verschiedenen Modellen wählen: Es gibt feste Arbeitsplätze, oder man sucht sich jeden Tag einen neuen Schreibtisch. Freie Plätze sind erkennbar an einem grünen Punkt. Ein Monatsticket kostet ab 129 Euro. Wer flexibel sein will, kann eine Zwölfer-Karte für 79 Euro kaufen.

Das Konzept geht auf: Das Betahaus feierte gerade einjähriges Bestehen, seit Herbst schreiben die Gründer schwarze Zahlen. Jetzt wird expandiert: Im Juni eröffnet ein Ableger in Hamburg, Zürich soll noch dieses Jahr folgen. Mit der Organisation und der Entwicklung der Marke Betahaus sind die Gründer gut beschäftigt. In einer kurzen Pause löffelt von Mohl im hauseigenen Café schnell eine Suppe.

Waldstein, Elwert und Rudnick arbeiten am liebsten in „Office drei“. Der Raum liegt in der dritten Etage. Nach einer Pause im Café nehmen sie den alten Lastenaufzug, vorbei am farbenfrohen „Schwarzen Brett“. Rasselnd schließen sich die metallenen Aufzugstüren. Die drei früheren Unternehmensberater fallen in ihren schicken Hemden und Anzughosen unter den sonstigen Jeansträgern auf. Am Morgen hatten sie einen wichtigen Termin bei der Bank, es geht um einen Förderkredit. Deshalb haben sie ihre, wie sie sagen, frühere „Arbeitsuniform“ aus dem Schrank geholt. Sie planen, Kaffee zu importieren, direkt von Bauern aus Äthiopien. Das Land kennt Waldstein gut, hier hat sein Bruder eine Zeitlang in einem Waisenhaus gearbeitet. „Wir wollen Firmen hochqualitative Lifestyle-Produkte bieten und gleichzeitig unkomplizierte Aufbauhilfe leisten“, erklärt Rudnick ihr Geschäftsmodell.

In München hatten sie in derselben Firma gearbeitet und rasch gemerkt, dass sie einen gemeinsamen Traum haben: Selbstständig zu sein. Dafür haben sie ihre gut bezahlten, sicheren Stellen aufgegeben. „Normalerweise haben wir fremdbestimmt gearbeitet, jetzt schätzen wir die Möglichkeit, flexibel zu arbeiten, es ist ein Gefühl der Freiheit“, schwärmt Waldstein.

Doch nicht jeder Selbstständige teilt diesen Traum. Für viele ist die Freiheit eher Fluch als Segen. Willi Oberlander, Geschäftsführer vom Institut für Freie Berufe an der Universität Erlangen-Nürnberg, berät Gründer. Er weiß, viele hatten keine Wahl. „Die Zahl derer, die unfreiwillig in die Selbstständigkeit gehen, ist über das ganze Spektrum der freien Berufe stark gestiegen.“ Besonders schwierig sei die Startphase. Selbstständige seien oft isoliert. „Durch die fehlende Zeit vernachlässigen sie ihre sozialen Beziehungen, ebenso wie den unternehmerischen Erfahrungsaustausch, und das führt zu Motivationsverlust“, erklärt er. Co-Working-Räume wie das Betahaus entstehen vor allem in Großstädten, um diese fehlenden Infrastrukturen aufzufangen. „Diese Entwicklung nimmt stark zu. Früher saßen Freie in Kaffeehäusern, heute gehen sie in Großraumbüros, um nicht zu vereinzeln“, sagt Oberlander.

Ein Vorteil, den Martin Gütler aus dem Betahaus sehr schätzt. „Ich mag es, von Leuten umgeben zu sein, dann fühle ich mich gleich gezwungen, auch zu arbeiten.“ Außerdem könne man sich bei Problemen gut mit anderen besprechen, sagt der 24-jährige Programmierer. Doch trotz dieses Zuspruchs stehen die Freiberufler am Ende des Tages alleine da. Manche im Betahaus wissen nicht, was nach dem nächsten Projekt kommt, und hangeln sich von Auftrag zu Auftrag.

Céline Bocquillon sitzt am Fenster. Sie kommt etwa zweimal die Woche, weil auch sie im Betahaus besser arbeiten kann als zu Hause. Heute hat die Webdesignerin schlechte Laune. Seit Stunden schlägt sie sich mit einem technischen Problem bei einer Website herum. „Es ist schön, frei zu arbeiten, aber der Preis ist hoch. Die Stunden, in denen ich wie jetzt recherchiere, zahlt mir keiner“, sagt die gebürtige Französin mit sanftem Akzent. In solchen Momenten, wenn nichts zu funktionieren scheint, schaut sie Stellenanzeigen durch. „Aber da ist nichts dabei.“

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