Wirtschaft : Buhmänner der Republik

Die Gesellschaft fordert mehr soziale Verantwortung von den Konzernchefs

Stefan Kaiser,Jahel Mielke

Ein Aufschrei ging durch das Land, als der Siemens-Konzern vor zwei Wochen verkündete, die Vorstandsgehälter um 30 Prozent anzuheben. Ausgerechnet Siemens. Das Unternehmen, das gerade knapp 4500 Stellen streicht – allein 570 bei Bosch-Siemens in Berlin – und nun auch für die Pleite seiner früheren Handy-Sparte verantwortlich gemacht wird. Die Öffentlichkeit stellt wieder die Frage nach der Moral in den Vorstandsetagen. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld ist dabei nicht der einzige Boss, der in der Kritik steht. Auch die Vorstände von Allianz und Deutscher Bank haben den Zorn des Volkes in ähnlichen Situationen zu spüren bekommen.

„Seit sich die Öffentlichkeit für die Gehälter der Vorstände interessiert, hat der Druck aus der Gesellschaft zugenommen“, sagt Klaus Schneider, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). „Teilweise haben die Manager den Mund sehr voll genommen, da ist die Erwartungshaltung entsprechend groß.“ Auch aus der Politik kommt Kritik: „Die Entscheidungen einiger Topmanager fördern nicht gerade einen gesellschaftlichen Konsens“, sagt Karl-Josef Laumann, nordrhein-westfälischer Arbeitsminister und Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). „Der normale Bürger schüttelt dabei nur noch den Kopf. Auch Manager haben eine soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter – nicht nur für ihre Aktionäre.“

Die Empörung kommt in den Managementetagen an. „Der Druck ist da, auch auf Familie und Umfeld. Da wird irgendwann einer sagen, ,das mache ich nicht mehr mit’“, meint Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) und Mitglied der 2001 von der Bundesregierung eingesetzten Corporate-Governance-Kommission zu Verhaltensregeln für Unternehmen. Im Fall Siemens spricht er von einem „katastrophalen Timing“.

Andere gehen noch weiter. „Das ist nicht bloß ungeschickt kommuniziert“, sagt Aktionärsschützer Schneider. „Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, sich aus Neid auf andere Vorstände die Gehälter um 30 Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Ziele zu verfehlen.“ Er fordert Konsequenzen. „Wer so hohe Ansprüche weckt, der hockt auf einem Schleudersitz.“ Es werde Zeit, dass auch mal ein Vorstand gehe.

Dass die Manager sich in manchen Fällen zu weit von der gesellschaftlichen Realität entfernen, findet auch Peter Strieder, der als Senator und SPD-Chef in Berlin selbst über eine Affäre stolperte und nun als Partner bei Pleon Public Affairs Unternehmer berät. „Viele Chefs glauben, dass nur die Politik Akzeptanz nötig hat“, sagt Strieder. Doch die Unternehmen brauchten diese gesellschaftliche Akzeptanz genauso dringend. „Wenn Entscheidungen nicht akzeptiert werden, weil sie gegen das Wertegefühl der Menschen gehen, kann man sie nicht durch Kommunikation schönreden.“ Nachrichten von Gewinn und Entlassungen hätten aber oft keinen Zusammenhang.

„Die Tatsache, dass jemand Gewinne macht und gleichzeitig entlässt, ergibt sich aus den komplexen Anforderungen eines großen Unternehmens, das ständig wächst und schrumpft“, meint Ulrich Pfeiffer, Vorstandssprecher des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung und Aufsichtsrat in mehreren Unternehmen. Auch Gehaltserhöhungen in Krisenzeiten sind für ihn nichts Unerklärliches. „Gerade in Restrukturierungsphasen braucht man gute Leute, und das kostet“, erklärt Pfeiffer. „Es bleibt aber aufgeklärtes Selbstinteresse von Unternehmen, wenn die Nabelschnur zur Gesellschaft nicht nur aus Preisen, Käufen und Verkäufen besteht.“

Nicht nur die Öffentlichkeit setzt die Vorstandschefs immer stärker unter Druck, auch die Aktionäre fordern mehr. Finanzinvestoren, die große Aktienpakete halten, mischen sich aktiv in die operativen Geschäfte des Unternehmens ein. Im vergangenen Jahr jagten sie den Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, aus dem Amt. Derzeit kursieren Gerüchte, der Investor Blackstone dringe auf eine Ablösung von Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. „Die Aktionäre suchen ihren eigenen Vorteil“, sagt Aktionärsschützer Hocker. Der Druck, den die Großaktionäre auf das Management ausübten, werde dabei nur selten öffentlich. Für die Vorstände kann er allerdings sehr gefährlich werden.

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