Wirtschaft : Bullen oder Bären? Börsenbeobachter sind uneinig

STUTTGART/MÜNCHEN (AFP/dpa).Die Unsicherheit an den internationalen Börsen ist seit den Kursstürzen der jüngsten Vergangenheit sehr groß.Zwar ist noch keine Panik unter den Anlegern ausgebrochen, doch die Unruhe wächst von Tag zu Tag.Skeptiker und Optimisten auf dem Parkett stehen sich gegenüber.Ihre Argumente könnten unterschiedlicher kaum sein.Vor allem über die Auswirkungen der Krisen in Asien, aber auch in Rußland herrschen unterschiedliche Ansichten.

Für den Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, beispielsweise drohen wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise in Asien möglicherweise "dramatische Folgen" für die deutsche Volkswirtschaft.Die Krise in Fernost könne noch zwei bis drei Jahre dauern und die Investitionstätigkeit in der Weltwirtschaft schwer beeinträchtigen, sagte Walter der Zeitung "Sonntag Aktuell".Deutschland sei davon als zweitgrößter Anbieter von Investitionsgütern besonders betroffen.

Die Lage an den Börsen wird sich nach Einschätzung des Wirtschaftsprofessors weiter verschlechtern.Der Kurssturz der abgelaufenen Woche sei vermutlich noch nicht der Tiefpunkt gewesen, sagte Walter; so könne der Dax "noch einmal zehn Prozent nach unten gehen, wenn sich die politischen Stürme in Tokio, Peking, Moskau und Lateinamerika nicht legen".

Europa sei "nicht so gut vor der asiatischen Grippe geschützt, wie die meisten Analysten, wirtschaftspolitisch Verantwortlichen und auch einige Ökonomen behaupten", betonte Walter.So könnten auch deutsche Unternehmen aus exportabhängigen Branchen wie etwa der Auto- oder der Chemieindustrie unter der Asienkrise leiden.Anleger, die ihr Engagement über Kredite finanziert hätten, sollten "vorsichtig sein und lieber mit Schmerzen einen Verlust akzeptieren, als größere Risiken einzugehen", empfahl der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt.

Die Wirtschaftspolitik in Europa dürfe sich nicht nahezu ausschließlich dem Ziel der Preisstabilität verschreiben, warnte Walter: Bei einem Erlahmen der US-Konjunktur und einem Fortdauern der Asienkrise bestehe für Europa das "ernstzunehmende Risiko eines sinkenden Preisniveaus".In diesem Fall - also bei einer Deflation - rechne er mit "äußerst schmerzhaften Konsequenzen" bis hin zu einer ausgeprägten Kaufzurückhaltung und Zukunftsängsten.

Demgegenüber sind die kräftigen Kursverluste an den internationalen Aktienmärkten für den Börsenaltmeister André Kostolany kein Grund zur Besorgnis."Bei den Kurseinbrüchen in den vergangenen Wochen handelt es sich um normale Bewegungen der Börse.Von einer Korrektur zu sprechen, ist falsch", sagte Kostolany in einem Gespräch mit dpa.Er erwarte längerfristig einen weiteren Anstieg der Kurse.Auch von den aktuellen Finanzproblemen in Rußland, die vor allem an den europäischen Börsen vorübergehend erhebliche Kursrückschläge auslösten, zeigte sich Kostolany unbeeindruckt."Das hat nicht die geringste Bedeutung." Anders läge der Fall, wenn große politische Änderungen einträten oder es gar zu einem Rückfall in kommunistische Zustände käme.

Nach Auffassung Kostolanys ist das Kursniveau an den westlichen Börsen derzeit keineswegs zu hoch.Deshalb könne auch von keiner Korrektur gesprochen werden, obwohl im ersten Halbjahr 1998 in Deutschland, aber auch in den Vereinigten Staaten ein Kursgipfel nach dem anderen gestürmt wurde.

"Das ist nach dem Boom eine normale Reaktion des Marktes", betonte der 92jährige Börsenexperte.Viele Anleger reagierten jedoch verunsichert.Befürchtet werden vor allem die weltweiten Auswirkungen der Finanzkrise in Fernost."Die Asien-Turbulenzen haben wirtschaftlich für Amerika, aber auch für Europa keine große Bedeutung", meinte hingegen Kostolany.Sie hätten sogar einen Reinigungseffekt, um inflatorische Tendenzen zu beruhigen.

"Viele Anleger sind neu in den Markt gekommen, die vor ein paar Jahren noch nicht gewußt haben, was die Börse ist", erklärte Kostolany."Der Ballon war zu stark aufgeblasen.Dann kommt ein Stecknadelstich, und das Ganze platzt." Vor sieben Jahren habe er den Börsentip gegeben, sich mit einer internationalen Palette von Aktienwerten einzudecken, in die Apotheke zu gehen, sich ein Schlafmittel zu besorgen, um dann die ganze Zeit zu schlafen und die Gewitterstürme an den Börsen nicht zu beachten.Nach dem Aufwachen hätten die Anleger eine angenehme Überraschung enorm steigender Kurse erlebt.

Heute rate er, jeder solle nach seiner eigenen Nase entscheiden.Anleger, die inzwischen große Buchgewinne gemacht hätten, sollten die Hälfte der Papiere verkaufen, um die Gewinne einzustecken.Sie seien so bei Rückschlägen gewappnet."Die Börse ist keine Einbahnstraße", warnte Kostolany.Das werde aber gerade von den neuen Anlegern oftmals vergessen .

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