Wirtschaft : Bullen und Bären halten Börsianer in Atem

JOBST-HINRICH WISKOW

Viele Anleger ärgern sich: "Hätte ich doch bloß verkauft!" Die Aktienkurse haben ordentlich nachgegeben, seit der Dax am 20.Juli bis über 6200 Punkte gestiegen war.Am Freitag rutschte das wichtigste Barometer kräftig um 324,71 auf 5163,51 Punkte.Im Vergleich zum Höchststand macht das ein Minus von mehr als 1000 Zählern.Einige Werte hat es besonders hart getroffen: Adidas-Salomon steht mit 219 DM rund 110 DM vom Höchstkurs der vergangenen zwölf Monate entfernt.Deutlich unter ihrem Höchststand liegen auch die Kurse von BMW (1472 DM im Vergleich zu 2020 DM) und VW (139,50 DM im Vergleich zu 197,90 DM).Hätten Anleger verkauft, wären schöne Gewinne möglich gewesen.Aber der Konjunktiv zählt an der Börse nicht.Börsianer entwerfen verschiedene Szenarien: Die optimistischen Bullen sehen den Dax und die anderen Börsen in Europa und Nordamerika nach der kurzen Phase der Konsolidierung schon wieder auf Wachstumskurs.Die pessimistischen Bären dagegen erwarten erstmal keine positiven Nachrichten vom Parkett: Manche sehen den Dax bei 5000 Punkten, die Crash-Propheten halten sogar einen Dax von 3000 für möglich.

Daß die Bären jetzt überhaupt wieder aufgetaucht sind, hängt mit einigen Unsicherheiten zusammen, die vielen Anlegern ganz plötzlich bewußt geworden sind

Was machen Boris Jelzin und der Rubel in Rußland? Der Markt hat die labile Lage offenbar akzeptiert.Doch die Frage spielt hierzulande eine wichtige Rolle, sobald die Krise sich auf die russischen Nachbarn auswirkt.Matthias Jörss, Chefstratege der BHF-Bank in Frankfurt (Main), bringt es auf den Punkt: "Wenn Osteuropa brennt, dann wird der deutsche Markt leiden."

Wie geht die Krise in Asien weiter? Die Volkswirtschaften in Fernost haben inzwischen nicht mehr nur ein Finanzproblem - die Rezession ist da.Mit den Halbjahreszahlen kamen jetzt die ersten Hiobsbotschaften, wie sehr europäische Unternehmen unter dem asiatischen Konjunkturtief leiden."Im dritten und vierten Quartal werden die Zahlen noch schlechter werden", sagt Roderick Hinkel, Stratege für deutsche Aktien bei der HSBC Investment Bank in London.

Wie gefährlich ist das Jahr-2000-Problem nun wirklich? Aktiengesellschaften an der New Yorker Börse müssen inzwischen publizieren, wie teuer die Umstellung voraussichtlich wird.Vor allem die Großbanken sind betroffen: Die Citicorp rechnet damit, mehr als eine Mrd.DM dafür aufzuwenden.

Was wäre, wenn der Euro schwächelt? Gerade weil die Optimisten im Euroland den Ton angeben, überraschte eine weniger starke Währung.Daran denken umsichtige Bären schon heute.

Was wäre, wenn der Dollar schwächelt? Seit er im Dezember die Marke von 1,76 DM überwand, hat er sich zwar in der engen Bandbreite zwischen 1,76 DM und 1,85 DM bewegt.Indes: "Wenn der Dollar unter 1,75 DM fällt, dann wird es eine große Revision der Gewinnprognosen geben", sagt Gerhard Grebe, Chefstratege derBank Julius Bär in Frankfurt.Daß die Hausse immer vor der Baisse kommt, ist eine Binsenweisheit.Hohe Kurse können irgendwann nur noch fallen.Fragt sich nur, ob die Börsen im Moment so weit sind.Vor den Crashs 1929 und 1965 sprachen die Experten von einer Ära stetig steigender Kurse - und wurden bitter enttäuscht: Trotz konjunkturellen Aufschwungs und niedriger Inflation kehrte sich der Aufwärtstrend doch wieder um.

Und 1998? Auch jetzt verdrängt Skepsis zunehmend die Euphorie.An der Wall Street ist der Pessimismus mittlerweile schon populär: Der "Supertanker Amerika wird in diesem Jahr zur Titanic", sagt Ed Yardeni, der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank Securities.In Deutschland hingegen herrscht Zuversicht.Was sollen Anleger mit dem jetzigen Depot machen: Aktien verkaufen oder halten? Auf jeden Fall durchhalten, raten die Analysten.Aber was soll man mit neuem Geld machen: in Aktien stecken oder eine weitere Konsolidierung abwarten?

Für die langfristige Geldanlage, so die alte Ansicht auf dem Parkett, ist es ziemlich egal, ob man bei einem Dax-Stand von 5000 oder 5400 kauft.Zocker haben mit solchen Bewegungen zwar keinen Spaß.Aber die verdienen an der Börse sowieso nicht dauerhaft Geld.Richtig reich werden eher Aktionärstypen wie der amerikanische Multimilliardär Warren Buffet.Der Mann denkt angeblich nie darüber nach, was die Börse machen wird."Ich habe keine Ahnung, ob die Börse in zwei Jahren höher oder tiefer stehen wird", sagt Buffet."Ich weiß nicht, wie man Kurse, Zinsen oder die Konjunktur vorhersagen kann." Was nicht schadet, denn der Muster-Investor wählt Aktien aus, die er dauerhaft im Depot behält.Wer so handelt, spart Transaktionsgebühren - der Spruch "Hin und her macht Taschen leer" gehört ja zum Standardrepertoire von Altbörsianern.

Und wie sehr die volkswirtschaftlichen Erkenntnisse die Kurse bewegen, ist ohnehin rätselhaft.Beispiel Arbeitslosigkeit: Mancher Börsianer bekommt es bei einer steigenden Quote mit der Angst zu tun und sieht die Rezession heranpreschen.Manch anderer sieht indes die Gefahr steigender Zinsen gebannt, schließlich will die Zentralbank die Konkunktur in einer solchen Phase nicht dämpfen.Und da es für jeden Sachverhalt mindestens zwei Erklärungen gibt, stellt Börsenaltmeister André Kostolany lapidar fest: "Nicht die Ereignisse beeinflussen die Kurse, sondern die Reaktion des Publikums auf die Ereignisse." Eine andere Weisheit des Spekulanten lautet: Ruhe bewahren.Sein Tip, den er vor sieben Jahren gab, habe sich bewährt: Standardwerte kaufen und sich dann Schlafmittel besorgen."Nach dem Aufwachen haben die Anleger angenehme Überraschungen erlebt."

Damit die auch künftig nicht ausbleiben, sollten Aktionäre nicht alles kaufen.HSBC-Stratege Hinkel empfiehlt Blue-chips zu niedrigen Preisen: SAP beispielsweise habe sich nach Kurskorrekturen immer wieder zügig erholt.BHF-Banker Jörss rät zu Aktien, die von möglichen ungünstigen Entwicklungen nicht betroffen seien: Selbst wenn es in Asien und Osteuropa kracht, profitieren Heidelberger Zement und Grohe von der auflebenden Baukonjunktur, trägt der anziehende Konsum Escada und Boss nach oben.Thierry de Loriol, Geschäftsleiter der französischen Bank Paribas in Frankfurt (Main), setzt auf Zukunftstrends.Auf die Frage, was denn Zukunft habe, hält er sein Handy hoch.Die Paribas-Analysten haben in ihrer Aktien-Studie neben der Mobilfunk-Branche, unter anderem mit Mannesmann, Zukunfts-Industrien vorgestellt, die sogenannte Bullen-Punkte aufweisen.Outsourcing-Firmen profitieren von einem neuen Boom wie die Herausforderer alter Monopolisten und die Freizeitwerte.In sieben Jahren wird man klüger sein.Kostolany ist dann 99 Jahre alt.

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