Wirtschaft : Bundesbank für moderate Lohnsteigerung

Mäßige Tarifpolitik und flexible Arbeitsformen empfohlen / Ost-West-Abstand verringert / Arbeitskosten zu hoch

FRANKFURT (MAIN) (oe/ADN).Die Forderungen von IG Metall-Chef Klaus Zwickel nach deutlich höheren Lohnsteigerungen hält die Deutsche Bundesbank für den falschen Weg.Zwar sind auch die Frankfurter Volkswirte der Ansicht, daß die Nettoeinkommen in den kommenden Jahren wieder steigen sollten, doch halten sie nach wie vor eine "moderate Lohnentwicklung über mehrere Jahre hinweg" für das richtige Rezept, um für mehr Beschäftigung und damit mehr Wachstum zu sorgen.Eine dauerhafte Stärkung der "Massenkaufkraft" lasse sich nicht am Verhandlungstisch verordnen, schreibt die Bundesbank in ihrem Monatsbericht.Notwendig sei vielmehr eine Zunahme der Zahl der "sich im Wettbewerb behauptenden Arbeitsplätze".Die Tarifparteien sollten daher weiter darum bemüht sein, durch moderate Abschlüsse und flexible Gestaltung der Arbeitsbedingungen die Kostenbelastung der Unternehmen zu begrenzen.Auch der Gesetzgeber sei gefordert, den "Steuer- und Abgabenkeil" und den Abstand zwischen Brutto- und Nettoentgelt, nachhaltig und substantiell zu verringern. In einer Analyse der Entwicklung der Arbeitseinkommen seit Anfang der neunziger Jahre haben die Währungshüter festgestellt, daß sich die Schere zwischen Brutto- und Nettoeinkommen weiter geöffnet hat.So betrugen die Nettoverdienste 1991 noch 55,8 Prozent vom Bruttoeinkommen, 1996 waren es dagegen nur 52,5 Prozent.Trotz der moderaten Tariferhöhungen in den vergangenen Jahren seien die Arbeitskosten für die Unternehmen jedoch nicht gesunken, da die Beitragssätze zur Sozialversicherung und die gesetzlichen Zusatzkosten für die Unternehmen im gleichen Zeitraum kräftig gestiegen sind.Deutlich kritisiert die Bundesbank, daß die Löhne in den vergangenen Jahren der Produktivität erheblich vorausgeeilt sind.Dies gelte vor allem für die Jahre bis 1993, doch sei der kräftige Kostenschub auch danach nicht einmal näherungsweise kompensiert werden. Vor allem in Ostdeutschland hat sich die Angleichung der Löhne an das Westniveau negativ ausgewirkt.In den neuen Ländern sei 1996 ein Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen erwirtschaftet worden, das nur 59 Prozent des westdeutschen Niveaus entsprach.Gleichzeitig hätten die Arbeitnehmer im Osten aber durchschnittlich schon 73 Prozent der Bruttoeinkommen ihrer westdeutschen Kollegen erreicht.Je geleisteter Arbeitsstunde seien so die Arbeitskosten in Ostdeutschland zwischen 1991 und 1996 um 66 Prozent gestiegen, etwa dreimal so rasch wie bei den westdeutschen Produktionsunternehmen.Nehme man die Schwierigkeiten auf den Absatz- und Beschaffungsmärkten sowie die Defizite im organisatorischen Bereich hinzu, werde deutlich, daß für viele ostdeutsche Unternehmen nur "defensive Anpassungsstrategien" - Entlassungen, Spezialisierung und Flucht aus den Flächentarifverträgen - übrig geblieben seien. Berlins Wirtschaftssenator Elmar Pieroth erklärte in einer Reaktion auf den Bundesbankbericht, Personalabbau sei die "falsche Antwort" auf die hohen Arbeitskosten im Osten.Der Nachrichtenagentur ddpADN sagte Pieroth, die Firmen sollten stattdessen durch unter dem Tarif liegende Effektivlöhne entlastet werden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden hat sich der Ost-West-Abstand bei den durchschnittlichen Bruttoverdiensten im vergangenen Jahr noch weiter verringert.So habe im Westen ein Arbeitnehmer durchschnittlich mit 67 327 DM rund 2,7 Prozent mehr verdient als im Jahr zuvor, im Osten stiegen die Löhne dagegen um 6 Prozent auf 47 191 DM.Damit hätten die Ost-Verdienste 70,1 Prozent des West-Niveaus erreicht, nach 68 Prozent im Jahr davor.Die Gehälter der Angestellten stiegen um 2,2 Prozent im Westen und um 6,9 Prozent im Osten.Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilte, sind im vergangenen Jahr die Einkommen der Frauen deutlich stärker als die der Männer gestiegen.Im Westen legten sie um 3,9 Prozent, im Osten um 7,5 Prozent zu.Männer verdienten hingegen 2,5 Prozent bzw.7,5 Prozent mehr.

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