• Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im Interview: "Flüchtlinge werden demographisches Problem nicht lösen"

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im Interview : "Flüchtlinge werden demographisches Problem nicht lösen"

Die Krise bei VW, die Integration von Flüchtlingen und das billige Geld im Euro-Raum: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann spricht im Interview über die Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft.

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Mit 43 Jahren wurde Jens Weidmann jüngster Bundesbank-Präsident. Der inzwischen 47-Jährige gilt als einer der größten Kritiker von EZB-Präsident Mario Draghi.
Mit 43 Jahren wurde Jens Weidmann jüngster Bundesbank-Präsident. Der inzwischen 47-Jährige gilt als einer der größten Kritiker von...Foto: Arne Dedert/dpa

Herr Weidmann, die Welt ist in Unordnung. China schwächelt, es gibt neue Hiobsbotschaften aus Griechenland, die US-Notenbank Fed traut sich nicht, die Zinsen anzuheben, und Deutschland tut sich schwer mit dem Zustrom von Flüchtlingen. Was davon macht Ihnen am meisten Angst?

Für Schwarzmalerei sehe ich keinen Anlass. Was zum Beispiel die Weltwirtschaft angeht, so erholt sie sich weiter, wenn auch etwas weniger dynamisch, als das vor kurzem noch erwartet wurde …

Woran liegt das?

Zum einen liegt es an der Schwäche der Rohstoff exportierenden Länder, die sich mit fallenden Ausfuhrerlösen konfrontiert sehen. Zum anderen hat sich die Wirtschaft in China abgekühlt. Das sehe ich aber nicht als Vorboten eines Konjunktureinbruchs, sondern als Folge des Übergangs zu einem nachhaltigeren Wachstumsmodell.

Was meinen Sie damit?

Chinas Wachstum hing in der Vergangenheit von massiven Investitionen – zeitweise machten sie beinahe die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus – und dem Export von Industriegütern ab. Damit wurden in der Vergangenheit Wachstumsraten von zehn Prozent oder mehr erzielt, aber auf Dauer ist das nicht nachhaltig. Inzwischen hat sich die Wirtschaft weiterentwickelt, hin zu mehr konsumorientierten Dienstleistungen. Das geht zwar mit geringeren Wachstumsraten einher, ist aber insgesamt eine willkommene Normalisierung.

Trotz der Börsenkrise und der Kurseinbrüche an den chinesischen Märkten?

In China hat der Aktienmarkt für Unternehmen und Verbraucher bei weitem nicht die Bedeutung, wie man das aus entwickelten Volkswirtschaften gewohnt ist. Das heftige Auf und Ab seit Mitte 2014 hat daher nicht im selben Maße auf die Konjunktur durchgeschlagen. Aber natürlich gibt es Risiken in China, keine Frage. Denken sie etwa an die Unternehmensverschuldung, die in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Zu einem vollständigen Bild der Weltwirtschaft gehört aber auch, dass sich die Industrieländer derzeit ganz solide entwickeln und so die Weltwirtschaft stabilisieren.

Was ist mit Deutschland? Die VW-Krise weitet sich aus, die Deutsche Bank hat den höchsten Quartalsverlust ihrer Geschichte eingefahren. Wie ernst ist das?

Laut dem Ifo-Konjunkturtest für Oktober haben sich Lage und auch Ausblick des Automobilsektors sogar verbessert. Insofern gibt es bislang keine Anhaltspunkte dafür, dass der Abgasskandal von VW die gesamte Branche runterzieht. Allerdings dürfte der VW-Skandal dazu führen, dass die Branche insgesamt strenger beaufsichtigt werden wird. Für den Zustand der deutschen Wirtschaft sind weder VW noch die Deutsche Bank repräsentativ.

Wie ist es dann um die deutsche Wirtschaft bestellt?

Deutschland steht gut da. Wir haben einen recht kräftigen Aufschwung und einen hohen Beschäftigungsstand, auch wenn sich das Wachstumstempo im zweiten Halbjahr etwas abgeschwächt haben dürfte. Auch im Euro-Raum ist der Aufschwung da – zwar moderat, aber er wird sich fortsetzen. Und in den USA ist die Konjunktur robust genug, dass dort über einen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik diskutiert wird.

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