Wirtschaft : Bundesregierung will Kirch nicht retten

tmh / mot

Der Bundestag soll sich nach dem Willen der Grünen mit den Turbulenzen um die finanziell angeschlagene Kirch-Gruppe beschäftigen. Die Grünen-Abgeordnete und Vorsitzende des Bundestags-Finanzausschusses, Christine Scheel, kündigte am Mittwoch eine kleine Anfrage ihrer Fraktion im Parlament an. Die Bundesregierung soll danach die Frage beantworten, ob eine Überprüfung der Kredit gebenden Banken an Kirch durch das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen abgeschlossen sei und welche Ergebnisse diese Prüfung gebracht habe.

Die Kirch-Gruppe hielt sich am Mittwoch mit Kommentaren zu der jüngsten Spekulation zurück, die Bundesregierung plane zusammen mit Medienkonzernen und Banken eine "nationale Auffanglösung" für die Kirch-Gruppe. Im Umfeld des Konzerns hieß es, es werde derzeit - offenbar von interessierten Kreisen - eine "Beute verteilt, die nach gar nicht erlegt ist". Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye stellte in Berlin klar, dass die Bundesregierung keinen wie immer gearteten Beitrag zur Rettung Kirchs leisten werde: "Die Lösung muss von den Beteiligten und den beteiligten Banken kommen", sagte Heye. Der Kanzler beobachte im Übrigen die Entwicklung mit großem Interesse, "auch mit Blick auf die Arbeitsplätze, die dabei eine Rolle spielen".

Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung", der sich auf Regierungskreise beruft, soll Kirch nach diesen Plänen aufgeteilt werden und "gesundschrumpfen". Dazu sei ein Verkauf des Kirch-Anteils von 40 Prozent am Springer-Verlag sowie eine Veräußerung der Formel 1, an der Kirch über seine Mehrheit an der Rennsport-Holding Slec beteiligt ist, vorgesehen.

Springer als Vehikel für Formel 1-Deal

Damit erhalten Gerüchte neue Nahrung, die schon im vergangenen Jahr für Unruhe im Rennsport-Geschäft gesorgt hatten: So soll Kirch gezwungen werden, die Rechte an der Formel 1 an die Automobilkonzerne zu verkaufen. Kirch hält 75 Prozent an der Slec, den Rest Bernie Ecclestone. In Branchenkreisen ist von einer Achse Hamburg-Frankfurt-Stuttgart die Rede. Deutsche-Bank-Chef Rolf E. Breuer (Frankfurt) wolle offenbar im Zusammenspiel mit dem Springer-Verlag (Hamburg) Kirchs Finanznot verschärfen, um preiswert an die Formel 1 und Springer-Anteile zu kommen. Mit hoher Provision könnte die Bank das Rennsportgeschäft dann an die Daimler-Chrysler AG (Stuttgart) weiterreichen. Für die Springer-Aktien sei ein Weiterverkauf an Verlage wie Burda, Holtzbrinck oder die WAZ-Gruppe geplant, wo der Hamburger Verlag sich offenbar besser aufgehoben fühlt. Breuer hatte am Montagabend weitere Kreditzusagen der Banken an Kirch abgelehnt. Die öffentlich formulierten Zweifel an Kirchs Kreditwürdigkeit, die für die Bankenszene höchst ungewöhnlich sind, wurden als strategischer Schachzug Breuers interpretiert.

Die Autokonzerne Daimler-Chrysler (Mercedes), Fiat (Ferrari), BMW, Peugeot Renault und Ford (Jaguar) hatten bisher gefürchtet, Kirch werde die Formel 1 in seinem defizitären Bezahl-Fernsehen Premiere zeigen und damit für Sponsoren und Hersteller weniger attraktiv machen. Mercedes-Chef Jürgen Hubbert hatte Kirch und Ecclestone deshalb gedroht, die Konzerne würden eine eigene Rennserie gründen. Kirch hatte vergeblich versucht die Konzerne zu beschwichtigen, indem er ihnen 25 Prozent an der Slec bot. Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo bekräftigte am Mittwoch in einem Interview, dass die Hersteller von 2008 an eine eigene Serie starten wollen. Die Autokonzerne würden nicht einsehen, dass "wir weiter so viel Geld und Mitbestimmung wie bisher für einen Produzenten aufbringen, der nichts mit uns zu tun hat", betonte di Montezemolo in Anspielung auf Kirch und Ecclestone. Er wolle mehr Geld. Sollte Kirch zum Verkauf der Formel 1-Rechte gezwungen sein, könnten die Autokonzerne möglicherweise schon früher an den Start gehen. "Noch liegt uns kein Angebot vor", sagte ein BMW-Sprecher am Mittwoch. "Es haben noch keine Gespräche stattgefunden."

Unterdessen legte Kirch-Vize Dieter Hahn am Mittwoch sein Aufsichtsratsmandat bei dem britischen Sender BSkyB des Medienunternehmers Rupert Murdoch nieder. Das bestätigte eine Sprecherin. Hintergrund sei ein möglicher Interessenkonflikt für Hahn. Murdoch kann im Herbst aus Kirchs Abosender Premiere aussteigen und 1,7 Milliarden Euro zurückverlangen.

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