Wirtschaft : Burger Knäcke hat plötzlich schwer zu beißen

EBERHARD LÖBLICH

Das profitable Unternehmen droht in die Turbulenzen um Geschi Brot zu geraten / Mitarbeiter blicken in ungewisse ZukunftVON EBERHARD LÖBLICH

BURG.Nicht zuletzt durch die "Ostpakete"-Kampagne der Agrarmarketing-Gesellschaft Sachsen-Anhalt schien in Burg bei Magdeburg eine für die wirtschaftliche Situation Ostdeutschlands recht seltene Erfolgsgeschichte geschrieben zu werden.Die Burger Knäcke GmbH hatte es geschafft, so schien es allenthalben: unangefochtener Marktführer in den neuen Ländern, selbst im Westen auf Platz zwei hinter dem Eurobäcker Wasa.Aber jetzt hat das Unternehmen plötzlich hart zu beißen.Und das liegt nicht an fehlerhaften Backmischungen für das Knäckebrot aus Burg. Den Burgern droht eine wirtschaftliche Schieflage ihrer 100prozentigen Gesellschafterin, der Berliner Geschi-Brot Schiesser & Sohn GmbH zum Verhängnis zu werden.Die hat nämlich nicht nur damit zu kämpfen, daß ihr Hauptkunde, die Handelskette Aldi, ein Drittel aller Lieferverträge gekündigt hat und mittlerweile rund 450 Aldi-Märkte nur noch die Produkte der Konkurrenz gelistet haben.Der Geschi Brot GmbH und ihrem Inhaber Horst Schiesser stehen auch Millionenforderungen der Treuhand-Nachfolgerin Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) ins Haus. Die BvS hat Schiesser vor dem Berliner Landgericht auf Zahlung von insgesamt 29,4 Mill.DM verklagt.Die Forderung der BvS resultiert aus der vertraglich vereinbarten Neubewertung von Immobilien von fünf ostdeutschen Unternehmen, die Schiesser einst von der Treuhandanstalt gekauft hatte, vor allem aber aus Vertragsstrafen für nicht eingehaltene Beschäftigungs- und Investitionszusagen in diesen Unternehmen."Die Burger Knäcke GmbH erwirtschaftet rund eine Million Gewinn jährlich", behauptet Ex-Geschäftsführer Siegfried Schulz.Nach eigenen Angaben war er gefeuert worden, weil er Schiesser immer wieder zur Einhaltung der Investitionszusagen gegenüber der Treuhand gemahnt hatte."Statt das Geld zu investieren, hat er sämtliche Gewinne abgeschöpft, um seine Berliner Unternehmensgruppe finanziell über die Runden zu bringen", wirft Schulz dem Geschi-Chef vor. Schiesser habe sich in der jüngsten Vergangenenheit zunehmend weniger um seine ostdeutschen Unternehmen gekümmert, sagt Schulz weiter.Nicht zuletzt deshalb müsse die Burger Knäcke GmbH derzeit mit Umsatzeinbrüchen von bis zu 20 Prozent kämpfen. Die noch 105 Mitarbeiter des Burger Knäckebäckers blicken in eine ungewisse Zukunft.Von der Schieflage der Geschi dürften aber auch die anderen ostdeutschen Unternehmen der Gruppe massiv betroffen sein.Neben dem Burger Knäckewerk, das unter Branchenkennern mit seinen dicken schwarzen Zahlen als "Perle der Geschi-Gruppe" gilt, drohen die Probleme des Berliner Unternehmers auch auf die Harzbäckerei Wernigerode, die Lausitzer Backwaren in Bischoffswerda und die Ost-Berliner Cityback GmbH überzugreifen.Die Grabower Dauerbackwaren, ein weiteres Unternehmen aus Schiessers Treuhandpaket, hat bereits im September vergangenen Jahres die Gesamtvollstreêkung beantragt. Ein Konkursverfahren droht Gerüchten zufolge auch der gesamten Schiesser-Gruppe.Beim Berliner Amtsgericht soll ein Gläubigerantrag auf Einleitung des Konkursverfahrens gegen die Geschi-Gruppe vorliegen.Geschi-Geschäftsführer Dieter Kressin bestreitet vehement, daß das Unternehmen vor dem Konkurs stehe, räumt aber ein, daß rund 20 Prozent aller Arbeitsplätze bei Geschi abgebaut werden sollen.Zu der BvS-Forderung will er sich nicht äußern.Hinter dem Konkursantrag könnte die Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten (NGG) stecken.Die vertritt nämlich zahlreiche ehemalige Mitarbeiter der Cityback GmbH in Ost-Berlin, die seit Monaten vergeblich die bei ihrem Ausscheiden aus dem Unternehmen fest vereinbarten Abfindungen einfordern.Einige NGG-Mitglieder hätten deshalb bereits entsprechende Klagen vor dem Arbeitsgericht Berlin eingelegt, bestätigt die Gewerkschaft. Horst Schiesser gerät mit seinen Geschäften nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen.Im Jahr 1985 kaufte er dem angeschlagenen Gewerkschaftskonzern Beteiligungsgesellschaft auf Gegenseitigkeit (BGAG) für eine symbolische Mark den zuvor in Grund und Boden gewirtschafteten Wohnungsbaukonzern Neue Heimat ab ­ um nur 43 Tage später von diesem Kaufvertrag wieder zurückzutreten.Ein Rücktritt, der ihm von den Gewerkschaften und ihrer BGAG mit einer Millionenabfindung versüßt worden sein soll. 1990 wollte Schiesser sogar für einen nicht näher bezeichneten Milliardenbetrag die gesamte DDR-Wirtschaft übernehmen.Auch dieser Versuch, mehr als nur kleine Brötchen zu backen, scheiterte.Schiesser mußte sich mit fünf Unternehmen der ostdeutschen Backwarenbranche zufriedengeben ­ um deren Zukunft es nun alles andere als gut steht.

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