Wirtschaft : Bye-bye Spritschlucker

Detroiter Autoshow dreht sich um Benzinverbrauch

Christoph von Marschall

Detroit - Im Jubiläumsjahr liegt ein Hauch von Melancholie über der Detroit Motor Show. Natürlich, an der Oberfläche herrscht eitel Sonnenschein zum 100. Geburtstag der Ausstellung, die sich in dieser Woche den Fachbesuchern präsentiert und am Sonnabend allgemein für das Publikum öffnet. Neue Modelle und Zukunftsstudien werden mit aufwendigen Showeinlagen präsentiert: Eiskunstläufer drehen ihre Pirouetten um die vierrädrigen Stars, Pop- und Jazzsänger widmen den glänzenden Fahrzeugen eigene Songs, mit Kunstnebeln, Laser und Regenbogenfarben werden sie ins beste Licht gerückt.

Aber niemand kann die Realität an den großen Seen verdrängen. Die US-Autobranche ist in einer schweren Krise. GM und Ford haben 2006 Zehntausende entlassen, auch Chrysler macht schwere Verluste. Die großen drei beherrschen nur noch 52 Prozent des US-Marktes. Selbst ruinöse Rabatte haben nur vorübergehend Erleichterung verschafft.

Der Trend des Jahres 2007: Alle geben sich umweltbewusst und kraftstoffsparend. Der Benzinpreisschock nach den Hurrikanen im Sommer 2005 sitzt den Bürgern in den Knochen, binnen weniger Wochen war damals der Preis einer Gallone (3,7 Liter) von 2,15 auf 3,40 Dollar gestiegen. Und auch wenn die Amerikaner derzeit wieder nur 2,35 Dollar zahlen: Irakkrieg und internationaler Terror lassen es geraten erscheinen, sich weniger abhängig vom Öl zu machen.

Ford prahlt, dass selbst seine PS-stärksten Modelle – wie der 400 PS starke achtzylindrige Interceptor – mit E 85 auskommen: einem Kraftstoff, der aus 15 Prozent Normalbenzin und 85 Prozent nachwachsendem, pflanzlichem Ethanol besteht. GM preist den Volt, dessen Motor sowohl fossile als auch Biokraftstoffe verträgt, als Superwaffe: Das Hybridauto könne 40 Meilen (64 Kilometer) mit Batterie fahren. Da 78 Prozent der Amerikaner unter 20 Meilen Anfahrt zum Arbeitsplatz haben, sei damit ein Autoleben möglich, ohne je zur Tankstelle zu fahren. Zweiter Teil der Zauberrechnung von GM-Chef Rick Wagoner: Wenn jemand weiter als 40 Meilen fahren wolle, schalte sich der Verbrennungsmotor zu, und der verbrauche nur 1,7 Liter Benzin auf 100 Kilometer.

Daimler-Chrysler, Audi und Volkswagen führen stolz den Diesel mit „Bluetec“ vor: Dank eines Stickstoffkatalysators erfüllt der die Abgasvorschriften aller 50 US-Staaten, auch die extrem strengen Grenzwerte in Kalifornien und drei Nordoststaaten. Diese besonders attraktiven Regionalmärkte – Mercedes verkauft 40 Prozent seines US-Absatzes in Südkalifornien – waren bisher für Diesel-Pkw nicht erschließbar. Da diese Motoren rund ein Drittel sparsamer seien als vergleichbare Benziner, könne Amerika bei einer ähnlichen Dieseldichte wie in Europa hunderte Millionen Barrel Öl pro Jahr sparen, verheißen die Chefs von Mercedes und VW-Audi, Dieter Zetsche und Martin Winterkorn.

Doch das sind alles Mogelpackungen, wie ein Blick ins Kleingedruckte verrät. E 85 ist für Kunden so gut wie nicht erhältlich. In den gesamten USA wird es an 556 Tankstellen angeboten. GM fragt erst gar nicht, aus welchen Energiequellen der Strom für die per Steckdose aufladbaren Batterien des Volt stammen – in den USA zu über 50 Prozent aus fossilen Brennstoffen. Und unterschlägt beim Verbrennungsmotor des Volt den wahren Verbrauch. Wagoner rechnet mit E 85, die 1,7 Liter auf 100 Kilometer beziehen sich auf den Benzinanteil (15 Prozent), die 85 Prozent Ethanol zählt er nicht dazu, weil die ja nicht aus Erdöl stammen. Die deutschen Bluetec-Diesel kommen nicht jetzt, sondern erst 2008 in den Verkauf. Schwefelarmer Diesel, eine weitere Bedingung für die Abgasgrenzwerte, ist erst seit Oktober an den Zapfsäulen erhältlich.

Ein Augenschmaus sind die Autos in Detroit natürlich dennoch. Und für deren Fans hält die Technikdebatte über die Treibstoffe der Zukunft einen Trost bereit. Das Ende des Erdöls wird nicht das Ende des Autos bedeuten. Auf Benzin und Diesel folgen erneuerbare Treibstoffe.

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