Wirtschaft : Car-Sharing: Deutsche Firmen kämpfen ums Überleben

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Teilen ist eine Tugend - doch beim Auto, der Deutschen liebstes Kind, hat die Tugendhaftigkeit der Bundesbürger offenbar ein Ende. Während sich in der Schweiz Carsharing als profitabler Markt erweist, kämpfen deutsche Carsharing-Unternehmen immer wieder ums Überleben. Das jüngste Beispiel ist die Berliner Stattauto AG. "Wir hätten beinahe Totalschaden erlitten", sagt Markus Petersen, Geschäftsführer des größten Carsharing-Anbieters Deutschlands. Nur der Einlagenverzicht von 1500 Kunden, die so dem Unternehmen fast 1,2 Millionen Mark spendeten, rettete Stattauto im November 2000 vor dem Konkurs.

Ganz anders stellt sich die wirtschaftliche Situation der Schweizer Genossenschaft Mobility dar: 27 Millionen Franken Umsatz, 38 000 Kunden und ein jährliches Kundenwachstum von über 50 Prozent machen hier das Autoteilen zu einem lukrativen Geschäft. Auf die Frage nach dem Geheimnis des Erfolges der Eidgenossen weiß Weert Canzler, Leiter der Projektgruppe Mobilität des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) eine Antwort: "In der Schweiz ist Mobility der einzige Carsharing-Anbieter. Mit 800 Autostationen gewährt die Firma ihren Kunden ein flächendeckendes und einheitliches Angebot". Hinzu kommt eine gute Kooperation mit der Schweizer Bahn und anderen öffentlichen Verkehrsbetrieben. Die Philosophie von Mobility ist die "kombinierte Mobilität": Für eine bestimmte Wegstrecke soll jeweils das geeignetste und günstigste Verkehrsmittel zur Verfügung gestellt werden. So können sämtliche Verkehrsmittel zu einem für Mensch und Umwelt vorteilhaften System verbunden werden.

In Deutschland hingegen gibt es über 80 verschiedene Carsharing-Unternehmen, die alle ein unterschiedliches Vertriebs- und Preissystem haben. Viele der Anbieter sind aus lokalen Nachbarschaftsvereinen entstanden, die in den 80er Jahren aus ökologischen Beweggründen Fahrgemeinschaften bildeten und so zu Autoteilern wurden. Daher ist noch heute bei einem Großteil der hiesigen Firmen oft mehr Ideologie als Geschäftssinn im Spiel - ein weiterer Grund, warum die deutsche Carsharing-Branche nicht so recht in Fahrt kommen will. Dabei ist das Marktpotenzial mit momentan 35 000 Carsharing-Kunden noch lange nicht ausgeschöpft. Laut einer Studie des Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtshaftsforschung in Essen kommen bundesweit etwa 7,5 Millionen Autofahrer als Carsharer in Frage: Vom Großstädter, der für seinen täglichen Weg zur Arbeit öffentliche Verkehrsmittel nutzt und deshalb kein Auto besitzt bis zum Studenten, der sich einen eigenen Wagen nicht leisten kann. "Um mehr Menschen für die Idee des Carsharings zu gewinnen, muss das Angebot hier zu Lande attraktiver werden", glaubt WZB-Eperte Canzler. Besonders wichtig sei eine Vereinheitlichung der Preise, des Buchungssystems und der Ausleihmodalitäten.

Die Berliner Stattauto will jetzt für Bewegung auf dem deutschen Carsharing-Markt sorgen. "Der erste Schritt ist die Fusion mit Shareway", erklärt Geschäftsführer Petersen. Die Shareway AG ist ein bundesweiter Zusammenschluß von 14 mittelständischen Carsharing-Betreibern, die nach der Integration von Stattauto über mehr als 1000 Fahrzeuge in 20 Städten verfügt. Ziel dieser Kooperation ist es, ein einheitliches Vetriebssystem aufzubauen. "Wir teilen nicht nur die Autos, sondern auch die Kosten", beschreibt Petersen die Strategie. Die zentralen Abteilungen, sollen zukünftig von allen Shareway-Mitgliedern gemeinsam betrieben und finanziert werden.

Für die Sanierungspläne muss Markus Petersen insgesamt 800 000 Mark einwerben, um die Zahlungsfähigkeit von Stattauto für 2001 zusichern. Die Shareway-Gruppe hat bereits 500 000 Mark zugesagt. Die restliche Summe soll durch die im Dezember 2000 beschlossene Kapitalerhöhung eingebracht werden.

Dann wäre die Schweizer Mobility, die sich zur Zeit auf dem deutschen Carsharing-Markt umschaut und Interesse an einer Zusammenarbeit mit Stattauto signalisiert hatte, endgültig aus dem Rennen. "In den Verhandlungen mit Mobility stellte sich heraus, dass von Schweizer Seite kein Interesse an einer gleichberechtigten Zusammenarbeit bestand", sagt Stattauto-Vorstand Petersen. "Vielmehr hat Mobility nur auf unseren Zusammenbruch gewartet, um dann unser Stationsnetz zu einem Spottpreis aufzukaufen".

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