Wirtschaft : Carpaccio vom Krokodil

Die Ernährungsmesse Anuga, die heute eröffnet, ist wichtiges Trendbarometer der Industrie

Maren Peters

Berlin - Ob das wohl lecker ist, was die Anuga ihren Gästen da auftischt? Die Auswahl ist so groß wie exotisch. Von getrocknetem Trüffelschweinfilet oder Carpaccio aus Krokodilfleisch können die Besucher der wichtigsten Ernährungsfachmesse der Welt ab heute kosten, an Strohhalmen mit Geschmack ziehen oder sich mit „Fußballfrikadellen“ oder „Champion-Burgern“ schon mal kulinarisch-deftig auf die WM 2006 einstimmen.

Mit rund 6300 erwarteten Anbietern aus 108 Ländern gilt die Kölner Anuga (8. bis 12. Oktober) als wichtiges Trendbarometer der Ernährungsindustrie. Doch anders als die alljährliche „Internationale Grüne Woche“, die im Januar knapp eine halbe Million Besucher in die Berliner Messehallen am Funkturm zog, ist sie eine reine Fachmesse. Die Grüne Woche ist dagegen offen für alle – und hat sich im Laufe ihrer mittlerweile 70-jährigen Geschichte zum größten Rummelplatz Berlins entwickelt – zwar ohne Riesenrad und Autoscooter, dafür aber mit rosigen Ferkeln zum Anfassen und jeder Menge Chinanudel-, Emmentaler- und Mettwurstsemmel-Ständen. Mit zuletzt 1600 Ausstellern aus 55 Ländern ist die Grüne Woche damit nicht nur die größte Messe Berlins, sondern auch die weltweit bedeutendste Schau für die Land- und Ernährungswirtschaft.

Trotz der völlig unterschiedlichen Zielgruppen haben beide Messen natürlich eine große Gemeinsamkeit: Bei beiden steht das Essen im Mittelpunkt. Was dem Fachpublikum bei der Anuga gefällt, können Verbraucher mit großer Wahrscheinlichkeit schon bald im nächsten Supermarkt kaufen.

Nach einigen unbefriedigenden Jahren erhofft die Industrie jetzt vor allem mit neuen Genuss- und Wellnessprodukten und bequem zuzubereitenden Lebensmittel aus Tiefkühltruhe, Tetrapack oder Kühlregal (so genannten Convenience-Produkten) mehr Umsatz zu erzielen, wie der Bundesverband der Ernährungsindustrie und die Kölnmesse am Freitag verlauten ließen.

Die Hoffnung ist nicht ganz unbegründet: Der Anteil berufstätiger Frauen, die weder Zeit noch Lust haben, sich abends an den Herd zu stellen, wächst. Zudem gibt es immer mehr ältere Menschen – die froh sind, sich mit bequemen Fertiggerichten den Alltag zu erleichtern. „Der Umsatz mit Convenience-Produkten steigt jedes Jahr einstellig“, sagt Tore Heinlein von der Gesellschaft für Konsumforschung. Das klingt nach wenig, ist aber angesichts stagnierenden Wachstums in der wettbewerbsintensiven Lebensmittelbranche recht beachtlich.

Der Gesundheit der Verbraucher muss die Neigung zu Fertigessen nicht abträglich sein. „Convenience-Produkte sind nicht generell ungesünder als frische Lebensmittel“, sagt Barbara Hohl von der Verbraucherorganisation Foodwatch. „Aber bei den Fertigprodukten ist der Gehalt an Fett, Salz und Zucker fast immer höher als bei nicht verarbeiteten Produkten.“ Bei vielen Verbrauchern regt sich inzwischen wohl das schlechte Gewissen. Anders ist es wohl nicht zu erklären, dass sie nicht nur mehr Fertigessen kaufen, sondern auch immer öfter zu Bio-Produkte und mit Vitaminen und Spurenelementen angereicherten Säften und Joghurts greifen. Auch davon verspricht sich die Branche steigende Umsätze.

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