Wirtschaft : Cebit als großer Jahrmarkt für "Softworker"

SIEGFRIED GRASS

Jobmaschine Software: Die weltgrößte Computermesse in Hannover spiegelt den Wettlauf in die KommunikationsgesellschaftVON SIEGFRIED GRASSDas Beste, was einem Software-Experten derzeit im Silicon Valley, dem Tal der Computerindustrie an der US-Westküste, passieren kann, ist, daß er seinen Job verliert.Er kassiert meist eine ansehnliche Abfindung, geht über die Straße zur Konkurrenz und bekommt dort eine noch besser dotierte neue Arbeitsstelle.Damit ist in zwei Sätzen gesagt, wie sich derzeit die Situation in der Software-Industrie darstellt: Es gibt viele neue junge Unternehmen, die schnell wachsen, dessen Zeit aber auch sehr schnell ablaufen kann.Netscape ist das bekannteste Beispiel einer Firma, die mit dem Internet einen beispiellosen Aufstieg erlebte, zuletzt aber dann doch einräumen mußte, daß die Zeit der großen Wachstumsraten schon wieder vorbei ist und man etwa zehn Prozent der Mitarbeiter entlassen müsse.Zwar stellt sich die Situation auf dem deutschen Software-Markt nicht ganz so hektisch dar, aber zumindest ähnlich.Fehlendes Fachpersonal hemmt das Wachstum der deutschen Multimedia-Branche und bremst den Anschluß an die Weltspitze.Informationstechnik und Telekommunikation büßen nach den Worten von Jörn Peter Stielow, Vorsitzender des Cebit-Messe-Ausschuses, jährlich ein bis zwei Prozent Wachstum ein, weil qualifizierte Mitarbeiter schwer zu bekommen sind.Es fehlen vor allem Software-Ingenieure.Weil die Anwerbung von einzelnen qualifizierten Mitarbeitern so schwierig ist, beschreitet die Branche pragmatische Wege: Compaq kauft mit Digital Equipment gleich einen kompletten Dienstleister, Wang und Olivetti bilden zusammen einen der größten DV-Dienstleister.Das waren die Schlagzeilen der letzten Wochen.Computer Associates (CA) wollte sich Computer Sciences Corp.(CSC) einverleiben, was aber wohl an dem Widerstand von CSC scheitern wird.Denn CA-Chef Wang hat schnell eingesehen, daß es wenig Sinn macht, einen Dienstleister zu übernehmen, dessen qualifizierte Mitarbeiter keinen Gefallen daran finden.Die Besten würden schnell einen Job woanders finden, CSC wäre damit nur noch die Hälfte wert.IBM verdient inzwischen schon wieder recht ordentlich, weil Louis V.Gerstner es beizeiten geschafft hat, den Hardware-Marktführer auf Dienstleistung zu trimmen.Siemens-Nixdorf (SNI) hat das Geschäft mit Lösungen und Dienstleistungen in einer eigenen Gesellschaft zusammengefaßt und will in den nächsten fünf Jahren weltweit zu den fünf führenden Anbietern von Consulting, Systems Integration, Betreiberdiensten und Outsourcing gehören.Das hehre Ziel: zehn Mrd.DM Umsatz.Erst 1995 wurde die "Business Services" gegründet.Mit Wirkung vom 1.November 1997 wurden im Rahmen einer Umstrukturierung alle Aktivitäten, die mit Lösungen und Business Services bei SNI zu tun haben, gebündelt.Die neue Abteilung erreicht bei einer Mitarbeiterzahl von etwa 10 000 schon jetzt ein Geschäftsvolumen von rund fünf Mrd.DM.So nimmt es die Branche insgesamt recht gelassen, wenn die jüngsten Warnungen von Compaq oder Intel nicht gerade gute Zahlen fürs erste Quartal verheißen.Der Markt für Telekommunikation und Informationstechnologie bleibt ein Wachstumsmarkt mit einem jährlichen Plus von 200 Mrd.DM und 600 000 neuen Arbeitsplätzen weltweit, aber in seinen Teilmärkten halt sehr unterschiedlich in der Entwicklung.Das weltweite Computernetz mit dem inzwischen jedermann geläufigen Namen Internet wird erneut auf der Cebit in dieser und der nächsten Woche beherrschendes Thema sein.Auf dem Gelände der Messe Hannover wurde sogar ein eigener Internet-Park eingerichtet.Die mobile Kommunikation ist der zweite Schwerpunkt in Hannover.Bringt man beide Bereiche zusammen, weisen sie den Weg zu einer weltweit vernetzten Welt und den Märkten, die derzeit die höchsten Zuwachsraten versprechen.Bei den Kunden, den Anwendern, steht an erster Stelle das Bewußtsein, daß Electronic Business als strategische Waffe für die Eroberung neuer Märkte zu verstehen ist.Dabei bedeutet Electronic Commerce weit mehr als nur das Aussuchen, Bestellen und Bezahlen von Waren übers Netz.E-Commerce umfaßt auch die Fachinformationsdienste, also das Recherchieren, Kopieren und Bezahlen von Fachinformationen über weltweit verbundene Computer.Jede Branche benötigt dabei speziell auf sie zugeschnittene Software-Lösungen.Die Trends heißen Globalisierung, Deregulierung (wie zuletzt auf dem Telefonmarkt), Informationsgesellschaft (Wie wird Wissen organisiert und verarbeitet?) und Electronic Business.Sie beeinflussen das Geschäftsleben fundamental, sie führen zu einem dramatischen Wechsel des Wettbewerbs.Wer hier den Kunden Lösungen anbieten kann, der gehört in der IT-Branche zu den Gewinnern.Von den vier großen Themenbereichen stellt die Software auf der Cebit mit 2515 Ausstellern den größten Block und ist damit auch ein großer Jahrmarkt für "Softworker", die dabei nicht einmal über die Straße, sondern nur über einen schmalen Gang in einer Ausstellungshalle gehen müssen.Die anderen Trends in der Branche sind im Grunde nichts neues: Die stetigen Preiskämpfe vor allem für Hardware, Microsofts Dominanz bei den PC-Betriebssystemen, ein neuer Modem-Übertragungsstandard (VC.90), die Angebote der neuen Telekom-Unternehmen nach dem Fall des Telekom-Monopols, Spracherkennung, digitale Kameras oder der neue Universal Serial Bus.Dahinter steht immer Software und Dienstleistung.Wen wundert es da jetzt erst, daß Software-Spezialisten so glänzende Berufsperspektiven haben? (HB)

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