Wirtschaft : Cebit-Auftakt mit Kampfansagen

Telekommunikations-Konzerne liefern sich Schlagabtausch / D2-Netz brach zusammen HANNOVER.Peter Mihatsch begann seine Rede zum Start der Computermesse mit bedeutungsschweren Worten: "Die diesjährige Cebit ist etwas ganz besonderes -, sie ist die erste Cebit, die vor dem Hintergrund des vollständig liberalisierten Telekommunikationsmarktes stattfindet." Kurz darauf mußte der Vorstand des größten Telekom-Herausforderers Mannesmann ein unangenehmes Statement nachschieben: "Das D2-Netz auf dem Messegelände ist seit einer Stunde gestört", entschuldigte er sich vor den rund 100 anwesenden Messe-Journalisten, die bislang vergeblich versucht hatten, mit ihren D2-Handys ihre Redaktionen zu erreichen.Die Peinlichkeit überspielte Mihatsch mit einer direkten Attacke "Schuld ist übrigens eine gestörte, angemietete Leitung der Telekom." Mannesmann stellte sich mit dem Mobilfunknetz D2 als unangefochtener Marktführer da.Der neue Herausforderer Viag-Intercom präsentierte sich mit neuen Billig-Telefontarifen.Otelo verkündete eine neue Vertriebsoffensive mit American Express.Vor soviel Selbstvertrauen blieb dem neuen T-Mobil-Chef Kai-Uwe Ricke nur die Defensive: Nur mit einer kompletten Umstrukturierung der Mobilfunktochter der Deutschen Telekom, könne man die verlorenen Marktanteile zurückgewinnen.Die Heftigkeit der Attacken hat ihren Grund in den enormen Wachstums-Chancen des Telefonmarktes.Nach Schätzungen, die der Fachverband ZVEI auf der Cebit vorlegte, wird der Markt für Informationstechnik und Telekommunikation in Deutschland allein in diesem Jahr um gut sieben Prozent auf über 190 Mrd.DM wachsen.Mannesmann-Vorstand Mihatsch: "Die Information ist neben Arbeit, Kapital und Boden zum vierten volkswirtschaftlichen Produktionsfaktor geworden - und das Transportvehikel der Information ist die Telekommunikation." Damit stehe außer Frage, "daß sich die Telekommunikation zu einem der größten Wachstums- und Arbeitsmarktmotoren unserer Wirtschaft entwickelt." Mannesmann hat sich mit seinem Mobilfunknetz D2 und seiner Festnetz-Tochter Arcor dabei gut positioniert: "Im Markt der Telekommunikation ist Mannesmann klar die Nummer zwei in Deutschland", bilanzierte der Vorstandsvorsitzende Joachim Funk: Dank Arcor schoß der Telefon-Umsatz von Mannesmann 1997 um 60 Prozent auf 6,8 Mrd.DM nach oben, 1,2 Mrd.DM davon entfielen auf den Neuling Arcor.Der D2-Mobilfunk brachte es es auf 5,6 Mrd.DM.Ende des Jahres erwartet Funk in Festnetz und Mobilfunk insgesamt fünf Millionen Kunden.Viag Intercom bietet zwar erst ab Sommer ein komplettes Angebot für Privatkunden an - nimmt die Herausforderung allerdings jetzt schon an.Auf der Cebit präsentierte der Vorsitzende der Geschäftsführung, Peter M.Briese, Kampfpreise: Ein einminütiges Ferngespräch soll bei Viag Intercom tagsüber nur 46 Pfennige kosten - und damit weniger als bei den Konkurrenten Telekom (60 Pfennige), Arcor (50 Pfennige) und Otelo (48 Pfennige).Briese ließ keinen Zweifel daran, daß Viag Intercom ganz oben mitspielen will: Der Umsatz des vergangenen Jahres von 214 Mill.DM soll 1998 auf 400 Mill.DM geschraubt und bis 2001 auf 4,5 Mrd.DM verzehnfacht werden.Im Jahre 2006, so Briese, rechne er mit einem Anteil am deutschen Telefonmarkt von acht Prozent: Das bedeute bei einem geschätzten Gesamtmarkt von 120 Mrd.DM rund 10 Mrd.DM Umsatz - erwirtschaftet von 7000 Mitarbeitern.Otelo-Vize Alex Stadler reagierte auf die geplanten Viag-Tarife kurz darauf gelassen: "Nachahmung ist die beste Form der Schmeichelei", sagte er auf der Otelo-Pressekonferenz eine halbe Stunde später.Zusammen mit Otelo-Chef Ulf Bohla präsentierte er die Cebit-News seines Unternehmens: Künftig werden eine Million Inhaber von American-Express-Kreditkarten über Otelo in 30 Ländern der Erde bargeldlos telefonieren können.Und noch eine Besonderheit will Otelo bieten: Kostenloses Telefonieren mit Werbeunterbrechungen könnte bereits in der zweiten Jahreshälfte angeboten werden.Der kürzlich in Berlin mit 5000 Teilnehmern absolvierte Test sei so erfolgreich verlaufen, daß man jetzt in konkrete Verhandlungen mit der Werbe-Industrie getreten sei.Der Geschäftsführer der Deutschen Telekom MobilNet GmbH (T-Mobil), Kai-Uwe Ricke, mußte gegenüber soviel Optimismus eher kleine Brötchen backen: Zwar habe sich die Zahl der Kunden im D1-Netz innerhalb eines Jahres um 50 Prozent auf 3,5 Millionen erhöht.Trotzdem habe sich damit "der Rückstand zu den Marktführern im Kerngeschäft binnen Jahresfrist vergrößert", gestand Ricke ein: "Auch die unbefriedigende Entwicklung bei den sonstigen Mobilfunkdiensten und den internationalen Beteiligungen erfordert rasches Handeln." Um "Die Marktführerschaft zurückzugewinnen" kündigte Ricke für die nächsten Wochen eine neue Organisationsstruktur für das Unternehmen an.Den Verlustbringer geht es an den Kragen: "Es wird bei T-Mobil künftig nur noch solche Dienste geben, die aus Konzernsicht einen positiven Ergebnisbeitrag leisten." Die Kunden will Ricke dabei auch mit neuen Preissenkungen zurückgewinnen: "Ich verspreche Ihnen: Die am 1.März in Kraft getretenen Tarifreduzierungen sind nur der Auftakt für eine Offensive." DANIEL WETZEL

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