Wirtschaft : Celanese-Vorstand Sonder erwartet dieses Jahr schwarze Zahlen (Interview)

Herr Sonder[der Chemiemarkt gilt immer noch als s]

Claudio Sonder (57) ist Vorstandschef der Celanese AG, in der die Hoechst AG vor der Fusion zu Aventis ihre Chemieaktivitäten bündelte und ausgliederte. Das Unternehmen mit weltweit knapp 17 000 Beschäftigten erzielte zuletzt einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro.

Herr Sonder, der Chemiemarkt gilt immer noch als schwierig. Dazu kommen die hohen Öl- und Rohstoffpreise. Wie stellt sich Celanese dieser Situation?

So schwierig ist die Lage glücklicherweise nicht mehr. Die Chemie wächst wieder normal, die Asienkrise ist überwunden. Deswegen investieren wir zum Beispiel rund 300 Millionen Dollar in einen Essigsäure-Verbund in Singapur, um den derzeitigen Umsatzanteil in Asien von 15 Prozent weiter zu erhöhen. Generell aber gilt: Unsere Technologie muss immer topp sein.

Droht auch der Chemie eine Fusionswelle?

Ob es Fusionen oder Allianzen sein werden, sei dahin gestellt. Die Chemieunternehmen werden in jedem Fall neue Strukturen schaffen müssen. Kritische Masse, globale Marktpräsenz, ein klares Portfolio sowie Kosten- und Technologieführerschaft sind die entscheidenden Faktoren.

Celanese gehört bislang mit einem Umsatz von rund 4,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr weltweit nur zu den mittelgroßen Chemiefirmen. Wie wollen Sie wachsen?

Ihre Einschätzung trifft für unserer Gesamtgeschäft, nicht aber für die einzelnen Segmente zu. Bei über 80 Prozent unseres Umsatzes sind wir weltweit die Nummer eins oder zwei des jeweiligen Marktsegmentes. Auf den Gebieten, auf denen wir Weltmarktführer sind, wollen wir unsere Position absichern und ausbauen. Wir setzen auf internes und vor allem externes Wachstum durch Akquisitionen und Allianzen und wollen vor allem dort zulegen, wo die Märkte schnell wachsen, zum Beispiel in High-Tech-Anwendungen in der Automobil- und Elektronikindustrie. Regional setzen wir vor allem auf Asien und auf Nordamerika. Aber Deutschland haben wir im Blickfeld. In Oberhausen bauen wir eine neue Anlage für einen völlig neuen technischen Kunststoff.

Ex-Hoechst-Chef Jürgen Dormann ist heute als Vorstandschef von Aventis froh, die Chemiesparte los zu sein, weil sie angeblich zu wenig Gewinn bringt. Sie sagen Celanese und damit der Chemie eine rosige Zukunft voraus. Wie passt das zusammen?

Das passt sehr gut. Es ging darum, aus dem Konglomerat Hoechst neue Stärken zu schaffen. Die Konzeption mag schwierig sein. Aber alle Gesellschaften haben eine neue erfolgreiche Zukunft gefunden oder werden sie noch finden. Das gilt für die Spezialchemie und damit für Clariant oder für die Polyethylen- und Polyprophylenfirmen, die jetzt bei BASF und Shell zusammengehen. Alle sind glücklich, aus früher nicht im Focus stehenden Bereichen nun zum Kerngeschäft und zum Marktführer geworden zu sein. Dies gilt auch für Celanese.

Wann schlägt sich das bei Celanese in schwarzen Zahlen nieder? 1999 haben sie noch einen dicken Verlust gemacht.

In den Abschluss 1999 haben wir alle notwendigen Rückstellungen eingestellt, um uns auf die richtige Spur zu bringen. Im Jahr 2000 wird es schwarze Zahlen geben, beim Betriebsergebnis wie auch beim Gewinn nach Steuern.

Sind alle Schwachstellen beseitigt?

Alles was nicht zu unseren Kernbereichen gehörte, haben wir mittlerweile verkauft. Natürlich gibt es noch Arbeitsgebiete, die nicht optimal sind. Positiv sehen wir die technischen Kunststoffe, die durch externes Wachstum zu stärken sind. Zudem haben wir unsere Finanzschulden um zwei Drittel abgebaut. Damit haben wir Spielraum für externes Wachstum.

2000 Arbeitsplätze fallen weg. Kommen noch mehr dazu? Wie viele werden in Deutschland gestrichen?

Natürlich muss auch Celanese permanent die Kosten im Griff haben. 1999 haben wir unsere Strukturen verschlankt. Damit ist leider auch der Abbau von Arbeitskräften insbesondere im Nafta-Raum verbunden. 20 Prozent treffen unsere Standorte in Deutschland. Wir erwarten aus diesen Maßnahmen jährlich Einsparungen von über 100 Millionen Euro. Damit gehören wir zu den effizientesten Unternehmen der Branche. Den großen Einschnitt haben wir hinter uns. Aber kleinere Maßnahmen kann ich für die Zukunft nicht ausschließen.

Den Standort Deutschland sehen Sie durchaus positiv. Sonst würden Sie nicht in Oberhausen investieren. Oder?

Deutschland ist immer eine Alternative. Die Entwicklung ist eindeutig positiv: Alle, auch die Tarifparteien, sind sich der Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit bewusst. Dies lässt andere Entscheidungen zu als noch vor ein paar Jahren. So sind etwa Genehmigungsverfahren heute deutlich kürzer und einfacher. Die Bereitschaft, wieder in Deutschland zu investieren, ist größer als noch vor zwölf Monaten. Deutschland ist mittlerweile eine echte Alternative.

Wo steht Celanese in fünf Jahren?

In fünf Jahren muss Celanese stärker gewachsen sein als der Branchendurchschnitt und weniger von Konjunkturzyklen abhängig sein als heute. Und die Mitarbeiter müssen Celanese als einen attraktiven Arbeitgeber betrachten, bei dem sie auch in Zukunft arbeiten wollen. Wenn wir all dies erreichen, wird sich bei Celanese eine eindeutige Wertsteigerung einstellen. Das Gespräch führte Rolf Obertreis.

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