Wirtschaft : Champagnerlaune an der Frankfurter Börse

FRANKFURT (MAIN) (ro).Mit einem wahren Kursfeuerwerk hat die Börse den Rücktritt von Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine (SPD) gefeiert.Gleich zu Beginn der Börsensitzung am Freitag morgen schossen die Kurse um über 300 Punkte fast sieben Prozent auf 5.108 Punkte in die Höhe.Über den Tag pendelte sich der Zuwachs auf rund sechs Prozent auf ein Niveau von deutlich über 5000 Punkten ein.Vor allem Versicherer und Energieversorger profitierten von der Euphorie.

Der Euro stabilisierte sich in Frankfurt über 1,09 Dollar, nachdem er am späten Donnerstagabend in New York zeitweise über 1,10 Dollar gehandelt worden war.

"Das leidige Thema Umverteilen ist jetzt hoffentlich vom Tisch", sagte Fiedel Helmer vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser.Die Börsianer setzen darauf, daß die Steuerreform noch einmal in wesentlichen Passagen revidiert wird.Auch die strittige steuerliche Behandlung der Rückstellungen von Energiekonzernen werde nun wohl im Sinne der Wirtschaft gelöst, hieß es auf dem Frankfurter Parkett.Die vor allem von der Steuerreform betroffenen Energieversorger und Versicherungen haussierten am Freitag mit zweistelligen Kursgewinnen.Allianz, Münchner Rück und RWE zogen den Dax nach oben.Der künftige Finanzminister Hans Eichel ist in den Augen der Börsianer durchaus ein geeigneter Kandidat, die Finanz- und Steuerpolitik der rot-grünen Bundesregierung wieder auf eine Linie zu bringen,die mit den Vorstellungen der Wirtschaft vereinbar sei.

Trotz der auch für die Börsianer sensationellen Meldung vom Rücktritt Lafontaines war von Hektik auf dem Börsenparkett am Freitag nicht viel zu spüren.Die Euphorie zeigte sich in den Kursen und an den Kurstafeln."Vor allem die Profis haben gekauft", betonte Börsenmakler Detlef Hemker.Von ausländischen Investoren sei noch nicht viel zu spüren gewesen.In New York nahm der Dow Jones-Index unbeeindruckt von den Turbulenzen in Deutschland seine Jagd auf die 10 000er-Marke wieder auf.

"Spätestens seit 4.Januar hatten wir hier eine politische Börse.Wir haben ganz gewaltig unter der Politik gelitten", sagt Fiedel Helmer.Während die Börsen in den USA und in den europäischen Nachbarländern ständig nach oben gezeigt habe, habe Lafontaine mit seinen Steuervorhaben die Bremse für die deutschen Papiere gezogen."Er hat die Finanzwelt enttäuscht", sagt auch Börsenmakler Detlef Hemker."Die Investoren sind vor allem erleichtert, daß Lafontaine selbst das Signal zum Umschwung gesetzt hat", analysiert Börsenmakler Roger Müller, der wie alle anderen Profis von der Nachricht aus Bonn am Donnerstag abend aber völlig überrascht wurde.

Für die Börsianer kommt es jetzt darauf an, daß der neue Finanzminister und der neue SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder die eingeleitete Wende auch umsetzen."Wenn Eichel dieselben Fehler macht wie Lafontaine, dann zerplatzen die heutigen Kursgewinne wie eine Seifenblase.Dann haben wir an der Börse wieder Probleme," sagt Hemker.Die Änderung der Steuerreform sei in den neuen, deutlich höheren Aktienkursen vom Freitag eingepreist - tut die Bonner Politik nun nichts für die Unternehmenbesteuerung, seien Rückschläge an der Börse mehr als wahrscheinlich.

Angesichts dieser immer noch bestehenden Unsicherheit betrachten die Börsianer die starken Kursgewinne am Freitag - die stärksten Zuwächse, die seit der Bundestagswahl an einem Tag gebucht wurden - noch nicht als Trendwende."Das ist ein erster Kick in die richtige Richtung", betont Helmer.Eine wirkliche Trendwende sei erst dann da, wenn ausländische Investoren wieder Vertrauen gewännen und auf den deutschen Aktienmarkt zurückkehrten.Noch aber sehen die Frankfurter Börsianer dafür kaum Anzeichen.

Mit einer Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) rechnen die Börsen jetzt nicht, auch wenn durch den Rücktritt Lafontaines der politische Druck geringer geworden und gleichzeitig der wieder stärkere Euro den Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik erhöht."Die EZB hat keinen Anlaß zu Zinssenkungen", sagt Fiedel Helmer - auch wenn dies den Aktienmarkt natürlich zusätzlich beflügeln würde.

Bei der Bundesbank machte sich gestern - trotz der gebotenen Distanz zur Politik - Erleichterung breit.Seit der Bundestagswahl vom 27.September wurde dort befürchtet, daß Heiner Flassbeck die Nachfolge von Hans Tietmeyer antreten werde.Tietmeyer ist der einzige Deutsche mit Sitz und Stimmte im Rat der Europäischen Zentralbank.Nun aber sei das Thema Flassbeck vom Tisch, meinten Analysten in Frankfurt.

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