Wirtschaft : Chaos im Amt

Philip Volkmann-Schluck

Computer-Pannen, überfüllte Warteräume und riesige Stapel unbearbeiteter Anträge: Die unterschätzte Flut von Neuanträgen für Arbeitslosengeld II hat in den vergangenen Monaten chaotische Zustände in den zwölf Job-Centern Berlins verursacht. Jetzt, lange nachdem Hartz IV in Kraft getreten ist, besteht für die 323000 erwerbslosen Berliner Hoffnung auf Normalität. „Die Zahl unserer Kunden ist abschätzbar. Wir können jetzt besser planen und kommen nun auf das vorgegebene Verhältnis von einem Berater für 75 arbeitslose Jugendliche“, sagt Reinhard Müller, Geschäftsführer des Job- Centers Marzahn-Hellersdorf.

Auch in den anderen Berliner Job-Centern bessert sich die Lage. Seit ihrer Gründung erhielten sie 300 zusätzliche Verwaltungskräfte. Anfang Juli wurde ein zentrales Call-Center für Berlin eröffnet, bei dem Erwerbslose allgemeine Auskünfte bekommen und Terminfragen klären können. Das entlastet Fallmanager und Vermittler. „Wenn nötig, haben wir jetzt eine Stunde pro Beratungsgespräch“, sagt Bärbel Korch, Fallmanagerin in Marzahn-Hellersdorf. Noch im späten Frühjahr eine Unmöglichkeit: Das Team sei noch nicht eingespielt gewesen, Verwaltungsabläufe, etwa die Daten-Eingabe in den PC, hätten viel Zeit gekostet.

Aber noch immer gibt es Probleme. Es fehlt Personal; allein in den vier Jobcentern im Bereich Berlin-Süd werden zusätzlich 400 Mitarbeiter benötigt. In Nord und Mitte dürfte es ähnlich sein. Vergangene Woche fiel erneut die Auszahlungssoftware aus. „Stellen Sie sich vor, was dann hier los ist“, sagt Angelika Becker, Leiterin des Job-Centers Tempelhof-Schöneberg, das sich mit 315 Mitarbeitern um 24000 Bedarfsgemeinschaften mit 44000 Menschen kümmert. Eine weitere Schwierigkeit: Alle sechs Monate müssen die Kunden ihre Anträge erneuern. Damit die Job-Center nicht alle zur gleichen Zeit bearbeiten müssen, wenden sie einen Trick an: Mit minimalen Änderungen an den im System gespeicherten Bezügen kann der Geltungszeitraum der Anträge verschoben, die Ablauf-Termine über das Jahr verteilt werden.

Seit ihrer Gründung zu Beginn des Jahres bilden die Job-Center eine Arbeitsgemeinschaft zwischen den einstigen kommunalen Sozialämtern und den zentralistisch organisierten Arbeitsagenturen. Bringen die Neuwahlen im Herbst einen Machtwechsel, könnte sich das ändern. Die Union will den Kommunen mehr Verantwortung überlassen. Die Job-Center würden dann über ihr Personal und die Finanzen weitgehend eigenständig verfügen. Die Meinungen darüber sind geteilt. „Die Job-Center bräuchten eine eigene Verwaltung. Das ist zu teuer, außerdem haben wir jetzt bereits Platzmangel“, sagt Müller.

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