Wirtschaft : Charlotte Hörnicke

Geb. 1922

Gregor Eisenhauer

Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Für die kleine Charlotte ein Idyll, das Rittergut des Vaters. Heute steht davon nur noch die Treppe des Herrenhauses. Sie konnten aus Schlesien fliehen, zeitig genug, um einige Dinge einzupacken, die sie dann in der Bombennacht in Dresden verloren. Aber sie retteten ihr Leben, und zogen weiter in den Harz, nach Ilsenburg. Wähnten sich endlich in Sicherheit.

Charlotte Hörnicke war eine Schönheit, intelligent noch dazu, mehrsprachig erzogen. Ein britischer Offizier tat, was er nicht hätte tun dürfen, und riet ihr und ihren Eltern ein Stück weiterzuziehen, stellte ihnen sogar einen Militärlastwagen zur Verfügung. Am nächsten Tag wurde Ilsenburg an die Sowjets übergeben.

So kamen sie also nach Schloss Bündheim, nahe Bad Harzburg, und Charlotte verliebte sich. Den Eltern war das anfangs nicht sehr recht – sie hatten eine bessere Partie im Auge. Aber Charlotte setzte ihren Kopf durch und floh mit dem Verlobten nach Berlin. Hörnicke Senior war sofort von seiner Schwiegertochter begeistert. Von ihrem Aussehen, aber mehr noch von ihrer Geschäftstüchtigkeit.

Bevorzugt ist von altersher der Hörnicke Wein und Likör. Damals trank die Prominenz noch Wein, und das Geschäft lief gut. Hörnicke belieferte ganz Berlin, man hatte sogar eigene Weinberge an Rhein und Mosel, allerdings nicht des Ertrags, sondern der Werbung wegen.

Charlotte, kurz Lolo, gebar drei Kinder, aber der Schwiegervater besorgte umgehend eine Kinderfrau und übertrug ihr die Leitung der Weinhandlung in Bad Harzburg. Denn auch dort galt: Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken - darum nur Hörnicke Weine.

Wenn ihr Mann allein zu Kunden ging, musste sie nachgeholt werden.

Ihre Sommerfeste waren legendär. Die Trinksprüche der Familie ohnehin. Wein und Weiber sind auf Erden aller Weisen Hochgenuss, denn sie lassen selig werden, ohne dass man sterben muss.

Das sahen die Künstler auch so, und ließen sich nicht zwei Mal bitten: Roberto Blanco, Heino, die Jacob Sisters. Und Hazy Osterwald, der ein guter Freund wurde: „Dieses Fest Lolo hat eine Seele und das bist du.“

Ihr Mann starb früh, was ihr Leid tat, aber sie kam gut ohne ihn zurecht. Anlässlich einer Grünen Woche machte ihr Walther Scheel einen Heiratsantrag, aber sie lehnte ab. Sie hat etliche Heiratsangebote bekommen, aber alle abgelehnt. „Lieber einen sanften Tod in der Sofaecke, als einem alten Kerl die Unterhosen waschen.“

Der Beruf war ihr Leben, aber sie ließ sich von nichts und niemand mehr vereinnahmen. Sie war oft auf Reisen, fuhr beherzt Ski, tanzte mit Leidenschaft, und wippte selig hin und her, als sie nicht mehr so fest auf den Beinen stand, altersmäßig gesehen. Denn sie vertrug ganz gut. Mit ihrem Sohn konnte sie fünf Flaschen Wein an einem Abend austrinken.

Sie hatte „Readers Digest“ abonniert, sah gern mal einen guten Film, und saß mit Freude am Steuer. Anfangs im DKW-Cabrio, dann in einem Mercedes Kombi, der mit den Jahren erhebliche Gebrauchsspuren zeigte.

Sie fuhr schon immer eigenwillig, aber als sie dann mit achtzig die Vorfahrtsregel zunehmend egoistischer auslegte und Ampeln allenfalls noch als Entscheidungshilfe akzeptierte, da stahl ihr der Sohn das Auto, mit Einwilligung der Polizei.

Sechs bis acht Kunden sind ihr im Alter geblieben und ein kleines Lager. Und natürlich die Enkelkinder, die sie immer paarweise zu einer großen Reise nach Amerika einlud – möglichst kurz vor dem zwölften Geburtstag, denn da kostete der Flug für die Kinder noch die Hälfte.

Charlotte Hörnicke gehörte eben nie zu den von ihr so belächelten Menschen, die Mühe haben, „ihrem inhaltslosen Leben einen zweifelhaften Sinn zu geben“. Alle mochten sie, und sie mochte das Leben, und so reimte sich zum Ende hin doch wieder alles zusammen, denn: Ohne Wein und ohne Liebe ist das Leben trübe.

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