Wirtschaft : Charlotte Redlich

(Geb. 1910)||Ihre erste Liebe überstand den Sommer nicht. Aber sie sah sich ja nur um.

Tatjana Wulfert

Ihre erste Liebe überstand den Sommer nicht. Aber sie sah sich ja nur um. Etwa 360 000 russische Emigranten lebten in den zwanziger Jahren in Berlin. Spöttisch nannten die Einheimischen den Kurfürstendamm NEPs- ki-Prospekt und Charlottenburg Charlottengrad.

Charlotte, noch nicht 20 Jahre alt, verliebte sich zu dieser Zeit in einen jungen Russen. An den Nachmittagen saßen sie in den Lichtspieltheatern am Ku’- damm, schauten den Filmpaaren beim Küssen zu und hielten einander die feuchten Hände.

In einer Mischung aus stolpernd hervorgebrachten deutschen und weich klingenden russischen Worten schlug der junge, dunkelhaarige Russe der noch jüngeren blonden Charlotte eine Reise vor. Nach Venedig. Glühend und zerzaust kam Charlotte am Bahnhof an, drängte sich in den Zug und fuhr mit ihrer ersten großen Liebe Richtung Süden. Ihre Eltern, der Vater Maurer, die Mutter Milchverkäuferin, müssen der Fahrt zugestimmt haben. Wenngleich von Hochzeit nie die Rede war, wenngleich die Liebe den Sommer nicht überstand. Jahre später sagte Charlotte zu ihrem Sohn, der sich lange nicht zur Ehe entschließen konnte: „Du machst das richtig. Ich hab mich auch erst ein bisschen umgeschaut.“

Seit 1935 musste sie sich nicht mehr umschauen. Charlotte hatte Fritz gefunden. Nach der Trauung wartete ein riesiger „Horch“ auf die in ein schneeweißes Kleid gehüllte Charlotte und ihren Ehemann. Sie bauten sich ein Häuschen in Tegel. Und bald auch einen kleinen Bunker im Garten. Als der nicht mehr sicher genug war, schickte Fritz Charlotte und die beiden Kinder mit dem Zug nach Thüringen zur Familie eines Bauern. Charlotte half auf dem Hof und auf den Feldern, die Kinder spielten im Wald. Fritz blieb in Berlin. Er arbeitete an der Herstellung kriegswichtigen Geräts mit.

1945 holte Fritz seine Familie wieder zurück, einige Kilometer mit dem Zug, einige auf einem Lastwagen, den Rest zu Fuß. „Als wir die Elbe überquerten, fielen noch Schüsse“, erzählt der Sohn. Und er erinnert sich noch an den Geschmack der Kekse, die amerikanische Soldaten den Kindern schenkten.

Das Häuschen in Tegel stand noch unversehrt. Ebenso der Bunker. Nahten Soldaten mit nicht erkennbaren Absichten, verkroch sich die Familie dort. Einmal fanden Russen das enge Versteck. Charlottes Großvater starrte die Uniformierten erschrocken an. Aber ein Offizier sprach mit gedämpfter Stimme beruhigend klingende Worte und strich dem alten Mann über den Kopf. Das war die Sprache, die Charlottes dunkelhaariger Geliebter vor beinahe 20 Jahren gesprochen hatte.

Sie pflanzte jetzt Kohl und Bohnen an, zog Hühner und Kaninchen auf, tauschte ihr Klavier auf dem Schwarzmarkt gegen Brot und Milch. Während der Berlin-Blockade schickte sie Mann und Kinder in der Dunkelheit in den Tegeler Forst, um dort Brennholz zu sammeln. Die Scheinwerfer der unentwegt landenden Rosinenbomber erleichterten ihnen die Arbeit erheblich.

1989 starb Fritz. Charlotte war da 79 Jahre alt. In den folgenden 16 Jahren sollte der einst große Freundeskreis immer weiter schrumpfen. Doch sie lebte bis zum Schluss ganz in dieser Welt, geistesgegenwärtig und interessiert an den Dingen. Mit großem Interesse betrachtete sie von ihrem Fernsehsessel aus die Kandidaten in Jauchs Millionenquiz und kommentierte deren Unkenntnis kopfschüttelnd: „Die wissen ja gar nichts. So einfache Fragen.“ Charlottes Kinder staunten über ihre schlaue Mutter und schlugen vor, sie einmal fürs Quiz anzumelden. Aber die fast 90-Jährige drohte: „Wenn ihr das macht, enterbe ich euch.“

In den letzten Monaten fühlte Charlotte sich sehr müde. Sie mochte nicht mehr sprechen. Ihr Sohn brachte sie ins Krankenhaus. An einem späten Nachmittag schaute sie ihn aus matten Augen an und sagte: „Geh jetzt. Lass mich in Ruhe. Ich möchte schlafen.“

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