Wirtschaft : Chefin in der Werkstatt

Jedes fünfte Handwerksunternehmen in Berlin wird von einer Frau geleitet. Wie Existenzgründerinnen der Start gelingt

Chefin. Dörte Thie leitet seit mehr als 20 Jahren ein Dental-Studio. Foto: dpa
Chefin. Dörte Thie leitet seit mehr als 20 Jahren ein Dental-Studio. Foto: dpaFoto: dpa-tmn

Das Handwerk war immer ein Männerverein: Ob auf dem Bau oder in der KFZ-Werkstatt – meist waren es Männer, die dort das Sagen hatten. Doch das ist vorbei. „Frauen heute sägen, löten und decken Dächer“, sagt Stefan Schwarz, Präsident der Handwerkskammer Berlin. Immer häufiger stehen sie sogar an der Spitze der Handwerksbetriebe. So wird heute jedes fünfte bei der Handwerkskammer Berlin eingetragene Unternehmen von einer Frau geleitet.

Dörte Thie ist Handwerkschefin. In ihrem Dental-Studio im brandenburgischen Blankenfelde arbeiten 16 Menschen. Davon sind 13 Frauen. „Chefin sein ist ein 24-Stunden-Job“, erzählt die resolute Zahntechnikerin. Der Start in die Selbstständigkeit habe viel Zeit und Nerven gekostet. Aber wenn dann einmal Routine da sei, gebe es auch für die Chefin Freiräume.

Frauen, die sich selbstständig machen wollen, hilft die bundesweite Gründerinnenagentur (bga). Zu ihrem Angebot gehört das Projekt „Weiberwirtschaft“ in Berlin. Die Frauengenossenschaft sitzt in einem Gewerbehof im Bezirk Mitte. Dort finden künftige Chefinnen günstige Geschäftsräume, den Kontakt zu Gründerinnen, aber auch eine Kindertagesstätte. Mehr als 1400 Frauen im Jahr nutzen die Beratung der „Weiberwirtschaft“, berichtet Geschäftsführerin Katja von der Bey.

„Wir helfen, den richtigen Weg in die Selbstständigkeit zu finden.“ Wie das für die Einzelne aussieht, hängt immer vom Beruf und dem Vorwissen der Frauen ab. Und doch sind einige Fragen immer die gleichen: Wie sieht ein Businessplan aus? Wie viel Geld brauche ich? Welche Hilfsprogramme kann ich bei Schwierigkeiten in Anspruch nehmen? Wenn es um das Gründen eines Handwerkbetriebs geht, schickt Bey die ratsuchenden Frauen oft zur Handwerkskammer. Dort berät etwa Christiane Karut künftige Handwerkschefs von der ersten Idee bis zur Anmeldung bei der Handwerkskammer. Die Betriebsberaterin hilft dabei ganz unterschiedlichen Menschen durch die Anfangswirren der Selbstständigkeit: Während manche gerade ihre Meisterausbildung beendet haben, versuchen andere, mit der Selbstständigkeit Arbeitslosengeld oder Hartz-IV zu entkommen.

Karut empfiehlt Unternehmensgründerinnen, erst einmal zu prüfen, ob ihre Geschäftsidee in der Praxis funktionieren kann. Das klappt am besten mit einer Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis. Egal ob es um eine neue Dienstleistung oder um ein Produkt geht, wichtig sei herauszufinden, ob die eigenen Vorstellungen mit der Realität übereinstimmen.

Wenige Unternehmensgründer haben genügend Geld, um ihre Geschäftsidee in die Tat umzusetzen. Der Staat hilft mit verschiedenen Förderprogrammen. Für frischgebackene Handwerksmeisterinnen gebe es etwa eine Meistergründungsprämie, erklärt Karut.

Auch bei der Weiberwirtschaft gehe es den Frauen bei der Beratung oft darum, wo was zu holen ist, sagt Katja von der Bey. Speziell für Frauen gebe es zum Beispiel Mikrokredite vom Social Business Women Fond.

Dörte Thie hat im vergangenen Jahr das 20-jährige Bestehen ihres Dental-Labors gefeiert. Die erfolgreiche Handwerkschefin hat den Schritt in die Selbstständigkeit nicht bereut. Sie rät anderen Frauen, „auf das eigene Gespür zu vertrauen“. Man brauche gerade am Anfang „Durchhaltevermögen, Mut und das Wollen. „Dann passt das schon“. dpa

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