Wirtschaft : China hat Angst vor dem asiatischen Virus

HARALD MAASS[PEKING]

In Peking wächst die Furcht vor der Krise / Rückläufige Investitionen sorgen für AlarmstimmungVON HARALD MAASS, PEKING

Die Kritik war ungewöhnlich offen: "Wie ein Stein im Meer" verschwänden die Kredite der Banken, schrieb die staatliche Pekinger Zeitung "Finanznachrichten".Wenn China nicht die gleiche Krise wie Thailand oder Malaysia erleben wolle, müsse das Bankensystem "dringend reformiert werden".Ähnliche Stimmen hört man in diesen Tagen auch aus Pekinger Führungszirkeln.Seit dem Fiasko der Nachbarländer herrscht unter Chinas Wirtschaftslenkern Unruhe."Die Krise in Südostasien ist für uns eine Warnung", sagt der Generalsekretär der Staatlichen Planungskommission, Bai Hejin. Nach knapp zwei Jahrzehnten Wirtschaftsboom mehren sich in China die schlechten Nachrichten: Ausländische Neuinvestitionen gingen in den ersten zehn Monaten 1997 um 35 Prozent zurück.Düster sieht es auch auf dem Immobilienmarkt aus.In Peking und Schanghai stehen 30 bis 40 Prozent der neu errichteten Hochhäuser leer.Die Büromieten in Schanghai sind seit Anfang des Jahres um 50 Prozent gefallen. In Thailand, Malaysia und Indonesien hatten diese Probleme gereicht, um die Wirtschaft zu Fall zu bringen.China wurde von der Krise bisher verschont.Grund dafür ist Pekings konservative Wirtschaftspolitik: Der Öffnung wurden enge Grenzen gesetzt.So kann die chinesische Währung, der Yuan, bis heute nicht frei gehandelt werden.Gefahr durch Angriffe von Währungsspekulanten, die in anderen asiatischen Ländern die Krise ausgelöst hatten, besteht für China deshalb nicht.Zusätzlich geschützt ist Peking durch seine immensen Währungsreserven von 134 Mrd.US-Dollar."Im Gegensatz zu anderen Ländern hat China hat eine vernünftige Wirtschaftspolitik betrieben", lobt ein westlicher Banker. Allerdings gibt es auch in China Probleme ­ und es sind die gleichen wie in Südostasien.Investoren stöhnen unter Bürokratismus und Vetternwirtschaft.Offiziellen Angaben zufolge kassieren lokale Behörden jedes Jahr 380 Mrd.Yuan, umgerechnet rund 80 Mrd.DM, an willkürlichen "Geschäftsgebühren".Mindestens ebenso groß ist das Problem der Korruption.Bestechungen bei Behörden gehören zum Alltag.Pekings Führung bemüht sich zwar im Kampf gegen das "Übel Nummer Eins".Ändern tut sich jedoch nichts, weil hohe Parteikader mitverdienen. Bei einigen westlichen Geschäftsleuten hat sich die China-Euphorie deshalb merklich abgekühlt."Ausländische Firmen haben hier viel investiert", sagt ein deutscher Unternehmer."Doch China hat seine Wirtschaft nicht so schnell geöffnet, wie viele sich das wünschen." Viele der Joint-Venture-Unternehmen machen nicht die erhofften Gewinne.Der Markt mit 1,2 Milliarden Käufern blieb für viele Westfirmen ein Traum.Durch die Wirtschaftskrise ist die Konkurrenz der Nachbarländer nun zusätzlich gewachsen: Nach Währungsentwertungen in Indonesien, Thailand, Malaysia, Korea und den Philippinen sind dort die Produktionskosten um bis zu 30 Prozent gesunken. In Peking will man deshalb die lange vor sich hin geschobenen Probleme angehen.Im Mittelpunkt steht dabei das marode staatliche Bankwesen.Jahrzehntelang mußten die Banken die Staatsbetriebe mit Krediten am Leben erhalten.Die Folge ist, daß rund ein Drittel der 600 Mrd.US-Dollar an Krediten keine Zinsen bringen oder sogar ganz abgeschrieben werden müssen."Die Politik", sagt ein hoher Pekinger Funktionär, "darf bei der Vergabe von Krediten künftig keine Rolle mehr spielen".Damit allein ist es nicht getan: Beim Parteitag im September kündigte Präsident Jiang Zemin außerdem eine Reform der 300 000 Staatsbetriebe an.Ein ebenso großes wie schwieriges Vorhaben."Vom Erfolg dieser Reformen", sagt ein westlicher Beobachter, "könnte die Zukunft der chinesischen Wirtschaft abhängen."

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