China : Selbstmorde setzen Apple-Zulieferer unter Druck

Bereits neun Arbeiter des Elektronikherstellers Foxconn haben sich seit Jahresbeginn das Leben genommen. Der Konzern reagiert mit Psychologen und Mönchen.

M. Honert,F. Mayer-Kuckuk

Berlin/Peking - Er war der neunte Tote in nur fünf Monaten. Am Dienstag erlag erneut ein Mitarbeiter des weltgrößten Elektronikherstellers Foxconn seinen Verletzungen, nachdem er sich vom Dach des Werks im südchinesischen Shenzhen gestürzt hatte. Die Polizei fand einen Abschiedsbrief, in dem sich der 19-Jährige bei seiner Familie entschuldigte. Erst am Freitag war ein 21-jähriger Kollege in den Tod gesprungen.

Bereits im vergangenen Jahr war die weltgrößte und wie eine Stadt organisierte Fabrik, in der mehr als 300 000 Menschen arbeiten und zu deren Auftraggeber Unternehmen wie Apple, Hewlett- Packard, Dell oder Nokia gehören, wegen mehrerer Selbstmorde in die Schlagzeilen geraten. Jetzt ist erneut eine heftige Diskussion um die Arbeitsbedingungen bei der zum taiwanesischen Hon-Hai- Konzern gehörenden Firma entbrannt. Kritiker machen vor allem harte Arbeitsbedingungen für die Suizide verantwortlich. „Wir sind extrem müde, haben ungeheuren Druck“, zitiert die in New York ansässige Organisation China Labor Watch Foxconn-Mitarbeiter. Im vergangenen August berichteten südchinesische Medien, dass Sicherheitsleute Arbeiter mit Stöcken verprügelt hätten.

Dabei gelten große Unternehmen wie Foxconn in China im Allgemeinen als gefragte Arbeitgeber. Sie bieten meist ordentliche Mindeststandards – auch weil ihnen Inspekteure der Auftraggeber aus dem Westen über die Schulter schauen. Darüber hinaus kennen chinesische Arbeitnehmer in der Regel wenig Scheu, zu kündigen, wenn ihnen etwas nicht passt.

Isabella Heuser, Psychiaterin an der Charité in Berlin, will angesichts von neun Toten in fünf Monaten nicht von einer Serie sprechen. „In Deutschland begehen jährlich zwölf von 100 000 Menschen Selbstmord“, erklärt sie. Geht man davon aus, dass sich die Selbstmorde bei Foxconn fortsetzen wie gehabt, betrüge ihre Zahl am Ende des Jahres vielleicht 22. „Gemessen an den 300 000 Mitarbeitern läge die Quote dann also immer noch unter der, die in Deutschland völlig normal ist.“

Auch Geoffrey Crothall von der Organisation China Labor Bulletin, die für bessere Arbeitsbedingungen in China streitet, glaubt, dass Foxconn vor allem deshalb so viel Aufmerksamkeit erhalte, weil die Firma Apples iPhone baue. Eine zu hohe Arbeitsbelastung sei in China ein verbreitetes Phänomen, doch meist interessiere sich keiner für die Opfer.

Foxconn selbst hat in der vergangenen Woche trotzdem reagiert, und die Anstellung von 2000 Psychologen angekündigt. Auch eine Depressionshotline wurde eingerichtet. Dazu sollen buddhistische Mönche aufs Firmengelände geholt werden, um gutes Karma zu verbreiten und die Atmosphäre zu reinigen.M. Honert/F. Mayer-Kuckuk (HB)

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