Wirtschaft : China steigt auf

Die Volksrepublik löst Italien als sechstgrößte Weltwirtschaftsmacht ab – Deutschland ist dritte

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Peking - Chinas Wirtschaft wächst deutlich rasanter als angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes lag 2004 um 16,8 Prozent über dem bisher veröffentlichten Wert, teilte das Nationale Statistik-Büro am Dienstag in Peking mit. Analysten erwarten, dass die BIPVorgabe für das laufende Jahr ebenfalls erhöht werden muss. Chinas Handelsminister Bo Xilai hatte bereits erklärt, Chinas Wachstum werde 2005 „mit Sicherheit über neun Prozent“ liegen.

Die BIP-Korrektur sei nötig gewesen, da vor allem der stark wachsende Dienstleistungssektor bislang falsch erfasst wurde, sagte der Leiter der Statistik-Behörde, Li Deshui. Die aktualisierte Statistik zeige, dass die Wirtschaftsstruktur Chinas besser und gesünder sei.

Die chinesische Regierung hatte dieses Jahr erstmals eine breite Erhebung von Wirtschaftsdaten angeordnet. Dazu wurden insgesamt über 30 Millionen Firmenfragebögen ausgewertet und mehr als eine Milliarde Informationen gesammelt. Allerdings wurde nur der Servicebereich – der tertiäre Sektor – abgefragt, also der IT-Bereich, Finanzdienste, der Immobilienmarkt sowie Gastronomie und Transportwesen. Die Daten für die Industrie Chinas beruhen weiterhin auf früheren Schätzungen.

Analysten erwarten nach den korrigierten Wachstumszahlen, dass der internationale Druck auf China wächst, die Währung des Landes weiter zu flexibilisieren. Ein „viel reicheres China wird zweifellos mehr politischen Druck auslösen“, glaubt etwa Jim Walker, Chef-Ökonom von CLSA Emerging Markets in Hongkong. Auch Jun Ma, Chefökonom der Deutschen Bank in China, sieht in der Wirtschaftskraft Chinas „neue Munition für diejenigen, die eine weitere Yuan-Aufwertung fordern“.

China hatte im Sommer nach Dauerkritik der USA seine Währung etwas von der US-Dollar-Bindung gelöst und eine Wechselkursschwankung in geringem Umfang zugelassen. Die USA und auch europäische Staaten fordern jedoch weitere Flexibilisierungsschritte, da sich China durch seinen künstlich niedrig gehaltenen Yuan-Kurs Vorteile am Weltmarkt verschaffe.

Chinas Währungspolitik stehe nicht im Zusammenhang mit der BIP-Korrektur, wies Li Deshui am Dienstag umgehend Spekulationen in Sachen Wechselkurs zurück. Chinas BIP betrug 2004 nach den neuen Zahlen 15,99 Billionen Yuan (1,93 Billionen US-Dollar). Die Volksrepublik hat damit laut der Weltbank erstmals Italien vom sechsten Platz unter den größten Wirtschaftsnationen verdrängt. Bereits „Ende 2005 dürfte China die viertgrößte Wirtschaft der Welt sein“, prognostiziert Stephen Green, Analyst der Standard Chartered Bank in Shanghai. Auf den ersten drei Plätzen stehen die USA, Japan und Deutschland. 2010 könnte China bereits eine größere Wirtschaftsmacht sein als Deutschland.

Für Jun Ma von der Deutschen Bank ist weniger die neue Stärke als vielmehr die neue Struktur von Bedeutung. Der Anstieg des Dienstleistungssektors am BIP sowie der Rückgang der Großindustrie und der Landwirtschaft gäben der chinesischen Wirtschaft eine bessere Qualität.

China sei zudem weniger abhängig von Exporten als angenommen. Der Exportanteil am BIP sank von 34 auf nun 29 Prozent. Dass dagegen der Servicebereich nach der Korrektur 40,7 Prozent (zuvor 31,9 Prozent) am BIP ausmache, werde weitere Investitionen nach China locken, sagte Jun Ma. Das sollte zudem „das Vertrauen der Regierung stärken, den Servicesektor weiter zu stimulieren“. and (HB)

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