Wirtschaft : CHINA

Bernhard Bartsch

Die Finanzkrise stellt China vor die größten wirtschaftlichen Herausforderungen seit Beginn der Reformpolitik vor 30 Jahren und macht dem Land schmerzhaft bewusst, dass es Teil der globalisierten Welt geworden ist. Durch die weltweite Konjunkturflaute sind Chinas Exporte, ein Hauptmotor der Konjunktur, dramatisch eingebrochen. Im Januar lag der Wert der Ausfuhren 17,5 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Importe sanken sogar um 43,1 Prozent, was nicht zuletzt auch die deutsche Industrie trifft.

Das staatliche Wachstumsziel von acht Prozent ist nach Meinung vieler Experten kaum zu erreichen; viele halten inzwischen fünf Prozent für realistischer. Das mag nach westlichen Maßstäben zwar noch immer nach Boom klingen, doch der Eindruck täuscht. Nach offiziellen Angaben sind in den vergangenen Wochen 20 Millionen Fabrikarbeitsplätze verloren gegangen; das Pekinger Wirtschaftsmagazin „Caijing“ ermittelte sogar eine doppelt so hohe Zahl. Auch Universitätsabsolventen finden immer schwieriger Jobs. Ein Sozialsystem, das Chinesen in Not auffangen könnte, gibt es nicht; die meisten sind auf Familie und Ersparnisse angewiesen. Die Kluft zwischen Reich und Arm wächst. Die Regierung fürchtet deshalb nicht nur um ihr Projekt „Kleiner Wohlstand“, das allen Chinesen einen Lebensstandard deutlich über der Armutsgrenze bescheren soll, sondern um den sozialen Frieden im Land.

Um den Exporteinbruch aufzufangen, versucht die Regierung, mit einem Konjunkturprogramm Jobs zu schaffen und den Konsum anzukurbeln – und damit die Binnenkonjunktur. Umgerechnet 460 Milliarden Euro wurden bereitgestellt. Das Geld soll für Infrastruktur, Innovationen, aber auch für den Aufbau des Sozialsystems ausgegeben werden.

Auch die Geldpolitik wurde gelockert. Im Januar wurden doppelt so viele Neukredite ausgegeben wie vor einem Jahr. Zwar fürchten Experten, dass ein großer Teil des Geldes in nicht nachhaltige Projekte fließen wird. Doch wie viele andere Länder kann auch China es sich derzeit kaum leisten, bei der Auswahl seiner Konjunkturförderungsprogramme wählerisch zu sein. Bernhard Bartsch

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