Wirtschaft : Chinas WTO-Beitritt: Chance für die deutsche Wirtschaft

Karin Birk

Am Wochende sind in Genf die letzten Hürden aus dem Weg geräumt worden: Nun ist der Weg für China in die Welthandelsorganisation (WTO, siehe Lexikon ) frei. Der Beitritt muss jetzt nur noch im November beim Treffen der WTO-Handelsminister in Katar formal besiegelt werden. Chinas Herrscher hoffen, dass die Öffnung der Märkte und die zu erwartenden ausländischen Investitionen zu neuen Arbeitsplätzen und größerem Wohlstand im Lande führen. Kurzfristig dürften aber in China Millionen Menschen in der Landwirtschaft oder Industrie ihren Arbeitsplatz verlieren.

Auch für Europa hat der WTO-Beitritt zwei Seiten, wie Detlef Böhle, Leiter des Referats Asien-Pazifik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin sagt. Zum einen stecke in diesem Markt mit seinen 1,3 Milliarden Menschen ein unglaubliches Potenzial, andererseits würde auch Deutschland die Billigimporte - gerade bei Textilien und Haushaltsgeräten zu spüren bekommen. Insgesamt sei Chinas Beitritt zur WTO aber "ein große Chance".

Gerade für ausländische Handels- und Dienstleistungsunternehmen, für die der Marktzugang bisher schwierig oder völlig verbaut war, sieht er gute Entwicklungsmöglichkeiten. "Beim Handel gab es bisher gar nichts, deshalb ist hier viel Musik drin." Aber auch für die Investitionsgüterindustrie, für den Maschinen- und Anlagenbau, für Energieversorger und für die Chemieindustrie gibt es mehr Möglichkeiten, denn sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen in China rüsten deutlich auf. "Alle müssen sich fit machen für mehr Konkurrenz und Markt", sagt Böhle.

Das gilt auch für Volkswagen. Der deutsche Autobauer produziert über Joint-Ventures mit Chinesen schon seit 1985 in China und musste sich bisher nicht zu sehr vor ausländischer Konkurrenz fürchten. "Wir haben im vergangenen Jahr mit 336 000 Fahrzeugen einen Marktanteil von 52 Prozent erreicht", sagt VW-Sprecher Hans-Peter Blechinger. Diesen Marktanteil wird VW künftig vielleicht nicht mehr halten können, aber am "Gesamtwachstum des Marktes wollen wir weiter kräftig partizipieren", sagt er. Volkswagen habe deshalb seine Modellpallete neben Polo und Bora mit dem Passat und dem A6 noch erweitert und auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Den Hauptkonkurrenten Honda und Toyota aus Japan will es VW so nicht zu leicht machen.

Wachstumspotenzial sehen auch die internationalen Dienstleister, darunter die Finanzinstitute. "Der Bankenmarkt wird sich in den nächsten fünf Jahren deutlich öffnen", sagt Michaela Grimm, China-Expertin bei der Dresdner Bank in Frankfurt (Main). Zwar gebe es schon heute ausländische Banken und Versicherungen in China, sie dürfen aber nur begrenzt - auch lokal begrenzt - Geschäfte machen. Dies soll nun anders werden: Bis in fünf Jahren sollen ausländische Banken auch in inländischer Währung mit Privatkunden Geschäfte machen dürfen. Mit Unternehmen soll es sogar schon in zwei Jahren so weit sein.

Mehr Möglichkeiten wird es auch für Versicherungen geben: So erhofft sich die Allianz, die schon seit 1998 erfolgreich über ein Joint-Venture mit einem chinesischen Partner Lebensversicherungen verkauft, eine weitere Lizenz für den Verkauf von Sachversicherungen zu bekommen. "Wir hoffen, dass wir unter einer der sieben Gesellschaften sind, die nach den WTO-Entwürfen eine Lizenz bekommen sollen", sagt Hans-Jörg Probst. Probst war lange Jahre Chef-Repräsentant des Konzerns in Peking. Den Antrag auf eine Lizenz für das Sachversicherungsgeschäft habe die Allianz schon längst gestellt. Außerdem will der internationale Finanzdienstleister auch das Assett-Management-Geschäft weiter ausbauen.

Bei der Frage der Versicherungen hatte es unter den WTO Verhandlungspartnern bis zuletzt Unstimmigkeiten gegeben. Die EU-Unternehmen fühlten sich gegenüber der seit 1994 als erste im chinesischen Markt tätigen ausländischen Versicherung, American International Group (AIG), benachteiligt. AIG hatte Garantien verlangt, auch künftig in China Versicherungsgesellschaften gründen zu können, ohne chinesische Partner aufnehmen zu müssen. Der WTO-Entwurf sah dagegen vor, dass Unternehmen die auf dem chinesischen Markt expandieren bis zu 50 Prozent in chinesischem Besitz sein müssen. Der Kompromiss übernimmt den Entwurf unverändert, enthält aber eine Fußnote mit der EU-Forderung nach Gleichbehandlung. Streitigkeiten, sind Beobachter sich einig, sind somit programmiert.

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