Chinesischer Marathon : Ein kleiner Geländewagen soll für Daimler die Wende bringen

Auf dem größten Wachstumsmarkt hängt Daimler hinterher. Die Probleme sind hausgemacht – und nicht schnell zu lösen.

Matthias Jekosch[Schanghai]
Stern im Regen. Neben einheimischen Marken kämpfen Autokonzerne aus Europa und den USA in China um Marktanteile. Foto: AFP
Stern im Regen. Neben einheimischen Marken kämpfen Autokonzerne aus Europa und den USA in China um Marktanteile. Foto: AFPFoto: AFP

„Erfahrung ist wie eine Laterne hinter dir: Sie erleuchtet nur den bereits beschrittenen Pfad.“ Dieses chinesische Sprichwort zitierte Hubertus Troska in Schanghai, wo der 53-Jährige eine frühe Version des Mercedes-Geländewagens GLA präsentierte. Troska ist seit Dezember neuer und erster China-Vorstand überhaupt bei Daimler. Und er will lieber nach vorne blicken. Augenblicklich hat Daimlers Pkw-Marke das Nachsehen hinter der Konkurrenz von BMW und Audi. Der neue China-Chef soll dabei helfen, das zu ändern.

Audi und BMW verkaufen weltweit jeweils mehr Autos als Mercedes-Benz. Das operative Ergebnis der Marke mit dem Stern ging 2012 sogar zurück. Auch in diesem Jahr könnten die Erwartungen wieder enttäuscht werden. Die Nachfrage nach Autos und Lkws sei zum Jahresauftakt in Europa schwächer ausgefallen als erwartet, musste der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche auf der Hauptversammlung Anfang April einräumen. Bis 2020 sollen sich aber wieder mehr Kunden für Mercedes als für Audi oder BMW entscheiden.

Warum Daimler dazu in China aufschließen muss, zeigen ein paar Zahlen: 2012 hat das Land Europa mit mehr als 13 Millionen verkauften Fahrzeugen beim Absatz überholt und ist hinter den USA der zweitgrößte Automarkt der Welt. Experten schätzen, dass 2020 jedes dritte Auto weltweit in China verkauft wird. 2030 gar, prognostiziert der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, werden in China mehr Fahrzeuge verkauft als in den USA, Europa und Japan zusammen.

Für Dudenhöffer ist die Automesse in Schanghai, die am Sonntag beginnt, ökonomisch betrachtet bereits die wichtigste der Welt. Und auch in der öffentlichen Wahrnehmung wird sie seiner Meinung nach immer wichtiger: „Selbst in unseren Köpfen wird Schanghai das Maß der Dinge werden“, sagt er. Dass Daimler die GLA-Studie in China vorstellt, ist also kein Zufall. Das Auto gilt als ein weiterer Hoffnungsträger der Stuttgarter. Es war wohl ein einmaliges Eingeständnis, als Daimlers Finanzchef Bodo Uebber im vergangenen Herbst mit Blick auf die Konkurrenz zugab: „Zum Teil fehlen uns die Produkte. Zum Beispiel den BMW X1 haben wir nicht im Portfolio.“ Der GLA soll Anfang 2014 in diese Lücke der kompakten Sports Utility Vehicles (SUV) stoßen. Der gesamte Markt für Kompakt-SUV wird nach Erwartungen von Daimler von weltweit 1,7 Millionen verkauften Fahrzeugen im vergangenen Jahr auf 2,6 Millionen Fahrzeuge 2020 ansteigen.

Ein großer Teil des Wachstums findet in China statt. Doch während BMW dort seinen Absatz im abgelaufenen Jahr um 40 Prozent auf 326 000 Fahrzeuge steigerte, verbuchte Daimler lediglich ein Plus von 1,5 Prozent auf 206 000 Autos. Auch Audi-Chef Rupert Stadler rechnet mit hohen einstelligen Zuwächsen. Im ersten Quartal verbuchte Daimler als einziger der drei deutschen Premiumwagenhersteller sogar einen Absatzrückgang in China. Mercedes-Benz hatte lange sich gegenseitig Konkurrenz machende Händlerstrukturen: ein Händlernetz für importierte, ein Händlernetz für in China hergestellte Fahrzeuge. Im Dezember wurden beide fast zeitgleich mit der Ernennung von Troska zum China-Vorstand zusammengelegt. Zwei von drei Stellschrauben, um in China zu den Wettbewerbern aufzuschließen. Dazu setzt der Konzern auf eine Modelloffensive. Jüngere und sportlichere Modelle wie die A-Klasse oder der auf ihr basierende GLA sollen neue Käuferschichten erschließen.

Beobachter schätzen die Erfolgschancen als gut ein. Gleichzeitig mahnen sie zur Geduld. „Es ist kein Hundertmeterlauf, sondern ein Marathon“, verdeutlicht Ferdinand Dudenhöffer. In einigen Jahren wird Troska dann an dem von ihm zurückgelegten Weg gemessen werden – und ein paar Weisheiten dazugelernt haben.

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