Chiphersteller : Nur die Top Fünf der Welt überleben

Die Insolvenz des Chipherstellers Qimonda wird zur Bedrohung für die staatlich gepäppelte Halbleiterindustrie in Sachsen.

Corinna Visser
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Berlin - „Eigentlich müsste jeden Tag vor der Tagesschau zwei Minuten lang der Bildschirm schwarz werden“, sagt Heinz Martin Esser. „Dann könnte jeder sehen: Wenn die Chips nicht da wären, hätten wir auch kein Fernsehen.“ Vom Toaster angefangen gebe es so gut wie kein technisches Gerät mehr, in dem nicht in irgendeiner Form ein Chip stecke, sagt der Vizepräsident des Vereins Silicon Saxony. Dennoch sei die Halbleiterindustrie in Deutschland ein Stiefkind. Erst seit der Chiphersteller Qimonda Insolvenz angemeldet hat und dem Werk in Dresden die Schließung droht, nähmen die Menschen Notiz.

Die Ansiedlung der Mikroelektronik in der Landeshauptstadt war das Kernprojekt der sächsischen Wirtschaftspolitik nach 1990. In Computerindustrie und Maschinenbau waren nach der Wende tausende Jobs verloren gegangen. Der Halbleiterindustrie mit seinerzeit rund 3500 Beschäftigten drohte ein ähnliches Schicksal. Dem damaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) gelang es, mit massiven Subventionen Investoren nach Dresden zu locken. Siemens baute 1994 für rund 1,3 Milliarden Euro die modernste Chipfabrik der Welt und kassierte dafür rund 400 Millionen Euro Zuschüsse. Zwei Jahre später folgte der US-Konzern AMD: Beim Prozessorenwerk für fast 1,5 Milliarden Euro flossen rund 400 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen. Siemens hat sich von der Halbleitersparte längst getrennt. Sie heißt heute Infineon – und deren Tochter Qimonda. Inzwischen hat sich Silicon Saxony mit 1200 Firmen und 44 000 Jobs zu Europas führendem Cluster in der Mikroelektronik entwickelt.

Dennoch: „Wenn Qimonda verschwindet, wäre das eine Katastrophe“, sagt Esser. Er mag nicht abschätzen, wie viele Arbeitsplätze bei Zulieferfirmen dadurch in Gefahr gerieten. Zwar seien auch diese Firmen zuletzt gewachsen und hätten sich andere Märkte und Auftraggeber erschlossen. Das Problem aber ist: Der gesamten Halbleiterbranche, insbesondere den Herstellern von Speicherchips wie Qimonda, geht es schlecht.

Der Markt für Speicherchips befinde sich bereits seit zwei Jahren in der Rezession, sagt Andrew Norwood vom Marktforschungsinstitut Gartner. In dieser Zeit hätten die sieben bis acht größten Hersteller zusammen zwölf Milliarden Dollar verbrannt. Qimonda erwirtschaftete zeitweise mehr Verlust als Umsatz. Am 23. Januar meldete das Unternehmen mit weltweit rund 12 000 Mitarbeitern – 3200 davon in Dresden und 1400 in München – Insolvenz an. Ein von Sachsen und Portugal (wo Qimonda ebenfalls ein Werk betreibt) und dem Mutterkonzern Infineon zugesagtes Rettungspaket über 325 Millionen Euro und eine staatliche Bürgschaft über 280 Millionen reichten nicht aus. Wenn bis Ende März keine Lösung gefunden ist, werde sich eine Schließung kaum vermeiden lassen, sagt Insolvenzverwalter Michael Jaffé.

Johann Bartha, Leiter des Instituts für Halbleitertechnik an der TU Dresden, warnt davor, Europas letzten Hersteller von Speicherchips sterben zu lassen. „Qimonda hat momentan das innovativste Speicherkonzept“, sagt er. „Wir würden nicht nur unsere Kompetenzen aufgeben, sondern wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass wir uns damit in die Abhängigkeit der ausländischen Zulieferer begeben.“ Die Halbleiterindustrie sei eine Schüsselindustrie. „Unsere Industrie lebt von der Intelligenz, die in den Geräten steckt.“

„Es wird schwierig, die Speicherchipproduktion in der heutigen Form in Europa zu halten“, meint dagegen Jan Stenger, Leiter des Bereichs Hightech Zentraleuropa bei der Managementberatung A.T. Kearney. Speicherchips (D-Ram) liefern Daten für den Prozessorchip, der diese Daten verarbeitet. Während Prozessoren maßgeschneidert werden für bestimmte Anwendungen zum Beispiel in der Autoindustrie, sind Speicherchips weitgehend Standardprodukte. Wird die Norm eingehalten, unterscheiden sie sich hauptsächlich nur noch im Preis. „Doch der ist kaputt“, sagt Stenger. „In den Lagern liegen weltweit Chips im Wert von circa zehn Milliarden Dollar. 2008 hat Samsung die Stückzahl um 90 Prozent erhöht. Die Chips haben einen Markt überschwemmt, der ohnehin unter einer sinkenden Nachfrage leidet. 2009 wird der Halbleiterumsatz rund 210 Milliarden Euro betragen, mehr als 19 Prozent weniger als 2008.“

Es sei kein Zufall, dass die Speicherchipindustrie von Unternehmen aus Südkorea, Japan und Taiwan dominiert werde, sagt Stenger. So mancher Staat unterstützt die Unternehmen massiver, als es die Europäer tun. Sie können mit günstigen Krediten, Bürgschaften, Steuererleichterungen, der Überlassung von Gelände und der Weiterbildung von Mitarbeitern rechnen, sagt Gartner-Analyst Norwood. „Die ganze Branche ist subventionsgesteuert“, ergänzt Stenger. „Aber die Subventionen in Europa halten schon lange nicht mehr mit.“ Die EU beschränkt die Zuschüsse auf 27 Prozent der Investitionen. In Asien geben die Staaten bis zu 100 Prozent. Sie betrachteten die Halbleiterindustrie als strategische Industrie.

Hinzu kommt: Qimondas Chips werden in der Hauptsache in PCs, Servern und Spielekonsolen verbaut. Deren Absatzzahlen werden gerade im für Qimonda wichtigen Jahr 2009 stark sinken, und zum anderen sitzen diese Hersteller mittlerweile fast komplett in Asien und den USA und somit näher an den Wettbewerbern. Hier gibt es also die Cluster, wie es Silicon Saxony gern sein würde. „Was in Europa an Chipindustrie-Ökosystem existiert, ist im Vergleich zu Asien und den USA aktuell zu klein und nicht gut aufgestellt“, sagt Stenger. „Das ehrgeizigste Modellprojekt für den Osten droht zu scheitern: Qimonda, Infineon und AMD sind alle drei zeitgleich schwer angeschlagen“, sagt Stenger.

Er erwartet 2009 eine massive Marktbereinigung in der gesamten Halbleiterbranche. „Nur die Top Fünf und die Spezialisten haben eine gute Chance“, sagt Stenger. Und die, die ein dickes Finanzpolster haben. „Die Mikroelektronik ist generell sehr kapitalintensiv“, sagt der Berater. „Die Konkurrenz ist stärker geworden und die Technik veraltet schnell, so dass ständig in bessere Anlagen investiert werden muss.“ Qimonda aber habe nicht mehr die kritische Größe und müsse radikal neu aufgestellt werden: Übrig bliebe dann eventuell in Deutschland nur die Forschung und Entwicklung.

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