Wirtschaft : Chipherstellung: Die Branche hofft auf bessere Zeiten

som

Fast täglich überraschen Chiphersteller mit geringeren Absatzzahlen und schlechten Zukunftsprognosen. Ob US-Gigant Intel, Deutschlands Ex-Musterschüler Infineon oder die - gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis preiswerte - koreanische Samsung: Nach Gewinnwarnungen oder Gerüchten darüber stufen Banken die Aktien herab. Eher die Ausnahme sind Anlageurteile wie die von Schroder Salomon Smith Barney. Zwar setzt das Investmenthaus das Kursziel für Infineon nach der düsteren Unternehmensmeldung von 55 auf 44 Euro herunter. Doch die Empfehlung bleibt "Kauf - mit hohem Risiko".

Das Risiko ist in der Tat hoch, denn in der Halbleiter-Industrie kann sich niemand der weltweiten Krise entziehen. Halbleiter sind elektronische Bauteile, die unter anderem in Computern, Handys, Autos und Industriemaschinen stecken. Die Hersteller dieser Vorprodukte für zahllose High-Tech-Geräte stecken in der Krise: Die Lager quellen über, und die Nachfrage ist gering. Das wichtigste globale Börsenbarometer der Branche, der Philadelphia-Halbleiter-Index, ist stark gefallen. Chipaktien notieren fast so niedrig wie während der letzten Krise 1998.

Laut Forschungsinstituten wird der weltweite Absatz von Halbleitern im laufenden Jahr um 15 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr schrumpfen. Im Mai ging der Halbleiter-Umsatz verglichen mit dem Vorjahr um 20,1 Prozent und gegenüber April um 7,3 Prozent zurück. Die Preise für die Chips gaben in den vergangenen zwölf Monaten um 80 Prozent nach.

Abschwung verlangsamt

Doch es gibt Hoffnung: Spätestens zum Jahreswechsel wird ein Nachfrageschub erwartet. Der US-Verband Semiconductor Industry Association rechnet 2002 mit einem Wachstum von 20 Prozent. 2003 sollen 25 Prozent drin sein. Wie eng Depression und Hoffnung beieinander liegen, zeigt auch ein Blick auf den Book-Bill-Indikator. Er gibt das Verhältnis zwischen Auftragseingängen und Umsätzen wieder. Seit Herbst 2000 verschlechtert sich dieser Frühindikator kontinuierlich. Zuletzt lag die Auftrags-/Umsatzrate nur noch bei 0,72.

Doch wenn es so wie in all den Jahren vorher läuft, dreht der Indikator spätestens zum Jahreswechsel nach oben. Die derzeit negative Entwicklung wird nach Angaben des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) durch den sehr schwachen Telekomsektor beherrscht, der noch im vergangenen Jahr mit enormen Wachstumszahlen glänzte. Die Experten sind sicher, dass die Nachfrage nach Chips wieder steigen wird. Doch unklar ist der Zeitpunkt - und wie kräftig der Aufschwung ausfallen wird. "Im Moment bremst der Abschwung langsam ab. Optimisten rechnen im vierten Quartal mit dem Aufschwung, Pessimisten im ersten Quartal 2002", meint Christian Pophal vom ZVEI.

Ein anderer Schweinezyklus

Zwar sieht auch André Jäkel von der BHF-Bank Anzeichen für eine Erholung ab dem vierten Quartal. Doch dieses Mal laufe der so genannte Schweinezyklus anders. Der Theorie zufolge werden die Produkte knapp, wenn die Konjunktur boomt. Die Preise steigen, neue Projekte schießen wie Pilze aus dem Boden. Oft sind die Neubauten aber erst fertig, wenn die Nachfrage bereits wieder sinkt. Ein Überangebot drückt dann die Preise wieder. Diesem Schweinezyklus - der Begriff stammt vom Fleischmarkt - folgen Immobilien ebenso wie die Halbleiter-Branche. Doch in der Krise liegt die Geburtsstunde für den nächsten Boom: Gesunde Unternehmen kaufen unrentable Konkurrenten. Firmen modernisieren und sparen.

André Jäkel sieht jedoch im aktuellen Chip-Zyklus Abweichungen von der Theorie: "Die Unternehmen arbeiten zunehmend flexibler und müssen nicht mehr reihenweise ihre Fabriken schließen. Weil der Einbruch weniger drastisch als früher ist, fällt auch der anschließende Boom geringer aus", meint der Technologie-Experte. Die Erholung wird nach Ansicht vieler Analysten aber auch deshalb nur moderat sein, weil die Endabnehmer, wie die Telekombranche, in einem schwächeren Zustand sind als nach dem letzten Abschwung 1998.

Im Moment heißt die Devise "Kosten senken". So braucht Infineon das Geld aus der geplanten Kapitalerhöhung für Investitionen in eine modernere Produktion. Ebenso wie schon viele Wettbewerber will die Siemens-Tochter ihre Chipproduktion auf nur noch 30 Zentimeter große Siliziumscheiben umstellen, um 30 Prozent billiger zu produzieren. "Infineon muss dringend handeln, denn im Moment werden nicht einmal die Herstellungskosten gedeckt", meint Jäkel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben