Wirtschaft : Christa Müller hat immer noch keine Angst vor der Globalisierung

URSULA WEIDENFELD

BERLIN .Der erste Satz ist ein klares Dementi: "Wir stehen nicht für eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik", sagt die Volkswirtin Christa Müller aus Saarbrücken.Die Koautorin und Ehefrau des abgetretenen Finanzministers Oskar Lafontaine will "eine Politik, die Angebot und Nachfrage" angemessen berücksichtigt.Da sitzt sie gerade einmal drei Wochen nach dem Rücktritt des Ministers - und schockt die sozialdemokratische Gemeinde mit versöhnlerischen Gesten: "So haben wir immer gedacht."

Bürgermeisterkandidat Walter Momper (SPD), der Gastgeber bei den Wirtschaftspolitischen Gesprächen, schmeißt vor Schreck ein Glas um.Er hat Müller gerade eingeführt als diejenige, die die "sozialdemokratische Nachfragepolitik, die Oskar Lafontaine auf die politische Ebene gehoben hat, theoretisch untermauerte".Doch Christa Müller läßt sich nicht für die Trauerarbeit der sozialdemokratischen Linken vereinnahmen, die mit Lafontaine eine eigenständige linke Wirtschafts- und Finanzpolitik haben gehen sehen.

Wir - der Minister und sein guter Geist, die Volkswirtin und ihr politischer Arm.Mit Christa Müller ist der wirtschaftspolitische Plural nach Berlin gekommen.Sie redet über Globalisierung, über internationale Finanzmärkte, über Konjunktur.Je länger sie erklärt, wie "wir den Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft sichern müssen", desto mehr entspannen die Sozialdemokraten im Saal, desto verkrampfter werden Unternehmer.

Am Ende stehen die alten Fronten wieder: Den Unternehmen, die von der Globalisierung und dem internationalen Kostensenkungswettlauf profitieren, könne man ruhig auch "in die Tasche greifen", um dem Staat mehr Einnahmen und mehr Möglichkeiten zum Geldausgeben zu verschaffen, verkündet Müller.Die Unternehmer im Saal schütteln den Kopf."Nur wenn der Staat genügend Geld hat, kann er die Konjunktur ankurbeln." Die Unternehmer versteinern.

"Keine Angst vor der Globalisierung" ruft Christa Müller ihrem Publikum zu.Wenn es gelänge, die internationalen Finanzmärkte zu bändigen, sei die Gefahr für die Weltwirtschaft und die ökonomische Entwicklung Europas gebannt, alle könnten profitieren, erklärt Müller.Das sieht auch der Berliner Wirtschaftshistoriker Jürgen Kocka so.Doch fragt sich der Mann, der "viele Ihrer Ideen teilt", wie man internationale Kontrollen für Finanzmärkte, für Sozial- und Umweltstandards durchsetzen könne.Gegen den Markt zu regieren sei unglaublich schwer, doziert Kocka.Das alles sei zwar wünschenswert, erscheine ihm aber angesichts des gebremsten Interesses der Industriestaaten daran "außerordentlich utopisch".Christa Müller findet das nicht.Und da - nur ein einziges Mal - zerfällt das Wir zum Ich und Du: "Mein Mann hat fixierte Wechselkurse gefordert - und ist dafür für verrückt erklärt worden.Nun gibt es erste Schritte dahin.Mein Mann hat die Steuerharmonisierung gefordert - und wurde dafür verprügelt.Jetzt will selbst Großbritannien keinen unlauteren Steuerwettbewerb mehr." Schritt für Schritt, so frohlockt Müller am Ende, "kommen wir voran, da bin ich ganz zuversichtlich".

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